Die Machtpolitik Englands · 311
legt, und Chamberlain hat ihn geerbt und zu Ende geführt: es war
ein Kampf gewiß nicht nur um Gold und Diamanten, sondern um die
politische Macht, um die „Vormacht“ in Sudafrika, um cin allgemeinimperialistisches
Ziel großen Stils. Man begreift ihn; daß es Machtkampf
und Angriffskampf war, kann man um so weniger leugnen. Er
steht auf demselben Brette wic die Kämpfe an der ostindischen Grenze,
die unablässig weiter und weiter rollten, nach allen Seiten hin, auch
auf Vorderasien, auf Persien, Arabien, Agypten los. Der uralte englische
Machttrieb ist dort auch jetzt am frischesten und am unerschpflichsten
geblieben. Und hier sieht man am deutlichsten, daß der liberale
Widerstand gegen ihn doch niemals tief hinabgereicht hatte. Englands
Volk als Ganzes hat sich seit Jahrhunderten als Herrenvolk empfunden;
dieses Gefühl zog seine stete neue Nahrung aus dem Boden des indischen
Reichs. England dachte gar nicht an einen Verzicht. Begründet
hat es seinen Willen freilich gern auf die Formel: wir dürfen Indien
(und nun auch Agypten) nicht aufgeben, der Eingeborenen selbst wegen.
Daß diese Fremdherrschaft von oben her zugleich Kulturwerte erzeugt
und Wohltaten erwiesen hat, soll nicht bestritten werden: allerdings
haben den Wohltaten auch immer starke, stark gefühlte Belastungen und
Nachteile, für Inder wie für Agypter, gegenübergestanden, und beide
Länder sind wirtschaftlich und politisch in Englands Sinne verwaltet
und beherrscht und ausgenutzt worden, nicht in dem ihrer Bewohner.
Man mag das selbstverständlich neunen und tritt damit doch in einen
Gegensatz zu der Betrachtungsweise, die die Engländer selber lieben
und pflegen, zu der Betrachtungsweise, die alle Welt kennt: was England
gewinne, das gewinne die Menschhcit. Jedes Volk und Land,
das unter englische Beotmäßigkeit kommc, dürfe sich dessen freuen, und
dic übrige Welt müsse sich mitfreuen, denn englische Herrschaft bedente
Aufschließung und Kultur. England neigt, durch seine Geschichte verwöhnt,
einer allzu direkten und allzu naiven Gleichsetzung seines Interesses
mit dem allgemeinen Interesse, seines Daseins mit dem der
Menschheit im ganzen zu. Wo es Menschheit sagt, da meint es England;
wo es kosmopolitisch spricht, da denkt es an seine Nationalität
und an sein Neich, die den historischen Vorzug haben, sich für so große
Strecken der Erde mit der europäischen Kultur zu decken. Es vergißt
allzu gern, daß andere nationale Individualitäten neben ihm auf unserer
Erde emporgewachsen sind und in deren Weite hinausstreben,
die sich selber auch schätzen und sich selber, ihren Staat und ihre Kultur,
neben der englischen Eigenart auch behaupten wollen. Es hält allzu
leicht für wünschenswert, daß der Erdball mit der einen Farbe über-