Contents : Das Unterrichtswesen im Deutschen Reich. IV. Band 2. Teil. (5)

Die  tierärztliche  Hochschule  in  Berlin.  115

Der  Lehrkursus  war  auf  3  Jahre  berechnet  und  hatte  eine  fast  ausschließlich
  praktische  Tendenz.  Die  Schüler  wurden  in  4  Abteilungen
eingeteilt,  von  denen  die  eine  in  den  Krankenställen,  die  zweite  in
der  Anatomie,  die  dritte  in  der  Schmiede,  die  vierte  in  der  Apotheke
beschäftigt  wurden,  und  zwar  in  der  Art,  daß  die  Abteilungen  nach
jedem  Monat  unter  einander  wechselten.  Täglich  fand  nur  eine  Vorlesung
  statt,  welche  alle  Zöglinge  zu  besuchen  hatten.  Den  Lehrern
lag  es  ob,  die  Vorträge  über  die  einzelnen  Fächer  in  3  Jahren  zu
beenden.  Die  Vorlesungen  erstreckten  sich  auf  Hufbeschlag,  Exterieur,
allgemeine  und  spezielle  Pathologie,  allgemeine  Therapie  und  Arzneimittellehre,
  Anatomie,  Chirurgie,  Diätetik,  Seuchenlehre,  Chemie,
Pharmazie,  Materia  medica,  Rezeptierkunde  und  Botanik.  Der  Unterricht
  in  den  Krankenställen  wurde  jährlich  abwechselnd  von  den
Professoren  Naumann  und  Sick  erteilt.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß
bei  dieser  unzweckmäßigen  Einrichtung  des  Unterrichts  und  mit  den
geringen  Lehrkräften  nur  eine  beschränkte  Wirksamkeit  entfaltet
werden  konnte.  Obwohl  der  Leiter  der  Anstalt  Graf  v.  Lindenau
sich  wiederholt  bemühte,  durch  Erweiterung  und  Änderung  des  Lehrplans
  den  Unterricht  ergiebiger  zu  gestalten,  so  waren  die  Erfolge
doch  nur  geringe.  Hierzu  kam,  daß  es  der  jungen  Anstalt  bei  der
ungünstigen  politischen  Lage  des  Staates  an  den  erforderlichen  Mitteln
fehlte.  Die  Zahl  der  Schüler  hatte  sich  im  Jahre  1809  bis  auf  14
vermindert.  Die  Staatsbehörden  erkannten  das  Bedürfnis,  die  Anstalt
zu  reorganisieren  und  faßten  den  Plan,  sie  mit  der  Universität  in
nähere  Beziehungen  zu  bringen.  Zu  diesem  Zweck  bearbeitete  der
damalige  Chef  der  Sektion  des  öffentlichen  Unterrichts  Wilhelm  von
Humboldt  im  Jahre  1810  eine  Denkschrift,  in  welcher  er  die  wissenschaftliche
  Tendenz  der  Tierarzneischule  forderte.  Die  Vorschläge
Humboldts  blieben  unerfüllt.  Sie  scheiterten  an  dem  Widerstande
des  Stallmeisters  v.  Jagow,  der  nach  Lindenau  die  Leitung  der  Anstalt
übernommen  hatte.  Langwierige  Verhandlungen  über  die  Ressortverhältnisse
  der  Tierarzneischule  verzögerten  auch  in  den  folgenden
Jahren  die  Reorganisation  des  Unterrichts,  und  erst  dem  tatkräftigen
Vorgehen  des  Staatsrats  Langermann,  der  beauftragt  wurde,  in  Verbindung
  mit  dem  Geheimen  Medizinalrat  v.  Rudolphi  von  dem  Zustande
der  Tierarzneischule  Kenntnis  zu  nehmen  und  einen  Plan  zu  ihrer
zweckmäßigen  Einrichtung  zu  entwerfen,  gelang  es,  eine  Verbesserung
durchzuführen.  Als  der  Oberstallmeister  von  Jagow  um  diese  Zeit
von  der  Leitung  der  Anstalt  zurücktrat,  wurde  dieselbe  durch  die
Kabinettsorder  vom  9.  Juni  1817  dem  Ministerium  des  Innern  und  des

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