Full text : Gesetzes- und Verordnungs-Blatt für das Großherzogtum Baden. Jahrgang 1906. (38)

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uns  bald  heimisch,  zumal  schleunig  der  Versuch,  eine  besondere  süddeutsche
  Fraktion  zu  gründen,  durch  den  sofortigen  Eintritt  der  meisten
von  uns  in  die  national-liberale  Fraktion  beantwortet  worden  war.
Lasker  war  es  vor  allen,  der  uns  das  parlamentarische  Leben  erschloß
und  auf  diese  höchst  praktische  Seite  in  dem  Wirken  des  Idealisten
dürfte  hier  näher  einzugehen  sein.  Im  Preise  seiner  ganz  ungewöhnlichen
  Begabung,  seiner  Kenntnisse  und  Pflichttreue,  der  Reinheit  und
Uneigennützigkeit  seines  Charakters  stimmen  auch  diese  Erinnerungen
freudig  in  den  allgemeinen  Chor  ein,  dafür  bedarf  es  wahrlich  keines
weiteren  Zugeständnisses.  Aber  zur  Erklärung  der  Thatfache,  daß
Lasker  in  jenen  Jahren  weitaus  den  größten  persönlichen  Einfluß,
zumal  auf  die  neueingetretenen  Abgeordneten  übte,  mögen  diese  Erinnerungen
  dienen.  Geist  und  Charakter,  feurige,  überzeugende,  hinreißende
  Beredtsamkeit  standen  ja  auch  Anderen  zu  Gebote,  es  mag
nur  an  Benningsen  erinnert  sein.  Aber  keiner  übte  wie  Lasker  das
Amt  des  Führers.  Persönlich  trat  er  allen  nah,  freundlich,  gefällig,
auch  in  den  untergeordneten  Dingen,  wie  in  der  Sorge  für  Plätze  im
Reichstage,  wie  dann  der  Verfasser  in  dem  ersten  Sitzungslokal  den
Platz  neben  Lasker  durch  seine  Vermittlung  erhielt.  Wollte  einer  seine
Jungfernrede  halten,  den  ersten  Antrag  stellen,  eine  Ansicht  zur  Geltung
  bringen  —  er  wandte  sich  an  Lasker.  Dieser  gab  dem  Antrag
die  korrekte,  der  Sprache  des  Gesetzgebers  entsprechende  Fassung,  vermittelte,
  daß  der  Neuling  das  Wort  erhielt,  was  nicht  so  leicht  ist,
als  sich  die  Herren  Wähler  oft  vorstellen.  In  der  Debatte  aber  war
Lasker  der  erwünschte  Helfer,  der  einsprang,  wenn  etwa  die  Unterstützung
  notwendig  wurde.  Ebenso  riet  er  ab,  wo  der  Thatendrang
zu  unnützer  Rede  verführen  wollte,  und  wer  seinem  erfahrenem  Rate
folgte,  hatte  es  nicht  zu  bereuen!  Manchem  aber  konnte  er  nach  dem
Durchfall  nachher  sagen:  ich  habe  Ihnen  ja  abgeraten!  Lernen  konnte
man  bei  ihm,  wie  bei  keinem  zweiten.  Ueberall  war  Lasker  zur  Stellr,
der  erste  in  der  Fraktion,  in  der  Versammlung,  stets  bereit,  Freunden
sein  Ohr,  seinen  Rat  zu  leihen.  Aber  noch  weit  mehr.  Mit  seiner
Ueberlegenheit  war  er  Jahre  lang  maßgebend,  zumal  in  der  Fraktion.
Andere  fehlten  oft,  Geschäfte  riefen  oft  ab,  Lasker  fehlte  nie.  Und
wie  viel  der  erste  Eindruck,  das  erste  gescheidte  Wort  wirkte,  das  zeigte
Lasker.  Da  war  irgend  eine  Vorlage  ausgegeben,  gleichviel  welche;
sei  es  das  umfassende  Invalidengesetz,  oder  die  Strafnovelle,  oder  die
Justizgesetze,  oder  jährlich  der  Etat.  Man  kam  in  die  Fraktionssitzung,
die  meisten  hatten  die  Vorlage  kaum  flüchtig  angesehen,  hatten  noch
keine  Zeit  gehabt,  zu  lesen,  zu  studieren.  Lasker  aber  hatte  schon  die