Contents : Politische Geschichte der Gegenwart. V Das Jahr 1871. (5)

Proklamation  an  das  deutsche  Volk.  13

Uns  gerichtet  haben,  mit  Herstellung  des  deutschen  Reiches  die  seit
mehr  denn  60  Jahren  ruhende  deutsche  Kaiserwürde  zu  erneuern
und  zu  übernehmen,  und  nachdem  in  der  Verfassung  des  deutschen
Bundes  die  entsprechenden  Bestimmungen  vorgesehen  sind,  bekunden
hiemit,  daß  Wir  es  als  eine  Pflicht  gegen  das  gemeinsame  Vaterland
  betrachtet  haben,  diesem  Rufe  der  verbündeten  deutschen  Fürsten
und  Städte  Folge  zu  leisten  und  die  deutsche  Kaiserwürde  anzunehmen.
  Demgemäß  werden  Wir  und  Unsere  Nachfolger  an  der
Krone  Preußen  fortan  den  kaiserlichen  Titel  in  allen  unseren  Beziehungen
  und  Angelegenheiten  des  deutschen  Reiches  führen  und
hoffen  zu  Gott,  daß  es  der  deutschen  Nation  gegeben  sein  werde,
unter  dem  Wahrzeichen  ihrer  alten  Herrlichkeit  das  Vaterland  einer
segensreichen  Zukunft  entgegenzuführen.  Wir  übernehmen  die  kaiserliche
  Würde  in  dem  Bewußtsein  der  Pflicht,  in  deutscher  Treue  die
Rechte  des  Reiches  und  seiner  Glieder  zu  schützen,  den  Frieden  zu
wahren,  die  Unabhängigkeit  Deutschlands,  gestützt  auf  die  geeinte
Kraft  seines  Volkes,  zu  vertheidigen.  Wir  nehmen  sie  an  in  der
Hoffnung,  daß  dem  deutschen  Volke  vergönnt  sein  wird,  den  Lohn
seiner  heißen  und  opfermüthigen  Kämpfe  in  dauerndem  Frieden  und
innerhalb  der  Grenzen  zu  genießen,  welche  dem  Vaterlande  die  seit
Jahrhunderten  entbehrte  Sicherung  gegen  erneute  Angriffe  Frankreichs
  gewähren.  Uns  aber  und  Unseren  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone
  wolle  Gott  verleihen,  allzeit  Mehrer  des  deutschen  Reiches  zu
sein,  nicht  an  kriegerischen  Eroberungen,  sondern  an  den  Gütern
und  Gaben  des  Friedens  auf  dem  Gebiete  nationaler  Wohlfahrt,
Freiheit  und  Gesittung.“  Nach  Vorlesung  dieser  Proklamation  trat
der  Großherzog  von  Baden  vor  und  rief:  „Es  lebe  Seine  Mgjestät
der  deutsche  Kaiser  Wilhelm  hoch!“  Unter  den  Klängen  der  das
Lied  „Heil  Dir  im  Siegerkranz“  anstimmenden  Militärmusik  rief
die  Versammlung  dreimal  ein  begeistertes  Hoch  aus.  ·
Das  deutsche  Kaiserthum  war  installirt,  Deutschland  gieng  einer
neuen,  einer  großen  Aera  entgegen;  dafür  bürgt  der  feste  Wille  des
deutschen  Volkes,  dafür  bürgt  die  ihm  inwohnende  Fülle  von  geistiger
Kraft,  dafür  bürgt  der  Name  Hohenzollern.  Und  wie  bedeutend
waren  die  diese  Feierlichkeit  begleitenden  Umstände,  welche  wie  eine
großartige  Gebirgslandschaft  dem  Akte  vom  18.  Januar  die  würdige
Scenerie  gaben!  Im  Vordergrund  desselben  stand  die  am  12.  Ja—
nuar  erfolgte  Einnahme  von  Le  Mans  durch  die  Armee  des  Prinzen