Proklamation an das deutsche Volk. 13
Uns gerichtet haben, mit Herstellung des deutschen Reiches die seit
mehr denn 60 Jahren ruhende deutsche Kaiserwürde zu erneuern
und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des deutschen
Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind, bekunden
hiemit, daß Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland
betrachtet haben, diesem Rufe der verbündeten deutschen Fürsten
und Städte Folge zu leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen.
Demgemäß werden Wir und Unsere Nachfolger an der
Krone Preußen fortan den kaiserlichen Titel in allen unseren Beziehungen
und Angelegenheiten des deutschen Reiches führen und
hoffen zu Gott, daß es der deutschen Nation gegeben sein werde,
unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer
segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen die kaiserliche
Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die
Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu
wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte
Kraft seines Volkes, zu vertheidigen. Wir nehmen sie an in der
Hoffnung, daß dem deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn
seiner heißen und opfermüthigen Kämpfe in dauerndem Frieden und
innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit
Jahrhunderten entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs
gewähren. Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone
wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des deutschen Reiches zu
sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern
und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt,
Freiheit und Gesittung.“ Nach Vorlesung dieser Proklamation trat
der Großherzog von Baden vor und rief: „Es lebe Seine Mgjestät
der deutsche Kaiser Wilhelm hoch!“ Unter den Klängen der das
Lied „Heil Dir im Siegerkranz“ anstimmenden Militärmusik rief
die Versammlung dreimal ein begeistertes Hoch aus. ·
Das deutsche Kaiserthum war installirt, Deutschland gieng einer
neuen, einer großen Aera entgegen; dafür bürgt der feste Wille des
deutschen Volkes, dafür bürgt die ihm inwohnende Fülle von geistiger
Kraft, dafür bürgt der Name Hohenzollern. Und wie bedeutend
waren die diese Feierlichkeit begleitenden Umstände, welche wie eine
großartige Gebirgslandschaft dem Akte vom 18. Januar die würdige
Scenerie gaben! Im Vordergrund desselben stand die am 12. Ja—
nuar erfolgte Einnahme von Le Mans durch die Armee des Prinzen