Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Lederer:  Die  wirtschaftliche  Lage  unserer  Gegner

Folgen  des  Krieges  rascher  verwinden  wird  als  die
Westmächte.  Dazu  wird  auch  der  Besitz  kostbarer,  vielbegehrter
  Rohstoffe  (insbesondere  Agrarprodukte,  aber
auch  Textilien  wie  Flachs  und  Metalle)  beitragen.
Wenn  man  es  prägnant  ausdrülcken  will:  Der  Agrarstaat
  ist  durchaus  nicht  am  ehesten  geeignet,  einen
modernen  Krieg  zu  führen  und  in  einem  solchen  zu
siegen,  aber  er  #n  ihn  noch  immer  am  besten  überstehen,
  weil  er  auch  durch  den  modernen  Krieg  nicht
wesentlich  in  seinem  Urbestand  verändert  wird,  wenn
er  nur  überhaupt  kräftig  genug  ist,  aus  dem  Krie
herauszukommen.  Hingegen  sind  es  gerade  die  Strulturveränderungen
  im  Industriestaat,  die  der  Wiederherstellung
  einer  Friedenswirtschaft  so  außerordentlich
große  Schwierigkeiten  in  den  Weg  stellen.

Ausblick.  Endlich  sei  noch  kurz  die  Frage  der  wirtschaftlichen
  Regeneration  nach  dem  Kriegeberührt.
Sie  wird,  wie  schon  angedeutet,  je  nach  der  Struktur
der  Wirtschaft  verschieden  sein.  Hier  kann  nur  ganz
allgemein  gesagt  werden:  Sie  wird  um  so  leichter  sein
(immer:  eeteris  paribus  betrachtet  und  keine  Kriegsentschädigung
  vorausgesetzt),  je  mehr  eine  Volkswirtschaft
  in  den  Bahnen  der  Friedenswirtschaft  verblieben
  ist,  also  die  Produktion  nicht  auf  den  Krieg  umstellen:
  mußte;  je  mehr  die  Kriegslast  schon  während
des  Krieges  durch  Steuer  getragen  wurde;  je  mehr
also  mit  anderen  Worten  die  Kriegslast  lediglich  in
einer  Verschuldung  an  das  Ausland  besteht.  Denn  ist
bloß  eine  solche  gegeben,  so  bestehl  die  Kriegslast  bloß
darin,  daß  das  kriegführende  Land  entweder  Güter,
die  es  früher  selbst  verbrauchte,  ausführen  muß,
oder  aber  daß  es  darauf  verzichten  muß,  Erträge  aus
Kapitalanlagen  im  Ausland  zu  beziehen,  d.  h.  Warenäquivalente
  dafür  einzuführen.  fingegen  muß  ein
Land,  das  seine  Kriegskosten  “  t  gar  nicht  durch
Steuern  aufbrachte,  die  ganze  Last  nach  dem  Kriege
tragen,  es  muß  (wenn  die  Industrie  „  umgestelltwurde)
  einen  langwierigen  und  schmerzhaften  Reorganisationsprozeß
  durchmachen.

Die  Organisation  für  den  Krieg  erfolgte  als  Erlösung
  aus  einer  lähmenden  Geld-,  Kredit=  und  Produktionskrise,
  in  der  Fülle  der  Kraft  und  unter
dem  befeuernden  Einfluß  steigender  Preise.  Die
Liquidation  der  Kriegswirtschaft  aber  bedeutet  für  die
beteiligte  Industrie  das  Aufgeben  einer  sicheren  Konjunktur.
  Verringerung  der  Rentabilität,  das  Risiko
der  Preisveränderung,  zumal  für  die  y
die  Wiederkehr  des  freien  Wettbewerbs.  Noch  sind
nicht  einmal  theoretisch  die  Formen  gefunden,  in  denen
sich  diese  Wiederkehr  vollziehen  könnte.  Sie  wird  die
weitere  Schwierigkeit  auf  ihrem  Wege  finden,  daß  die
Kriegsindustrien  (und  was  ist  in  solchen  Ländern  nicht
Kriegsindustrie?).  an  hohen  Gewinn  gewöhnt,  außerordentlich
  liquide  sind  und  den  Ausgangspunkt  von
Rentnerexistenzen  bilden  können,  die  die  Rückkehr  ins
freie  Wirtschaftsleben  scheuen.  Hingegen  kann  sich
überall  dort,  wo  die  Verbindung  mit  dem  Weltmarkt
auch  während  des  Krieges  nicht  abgebrochen,  wo  die
Preisbildung  in  Berührung  mit  dem  neutralen  Aus-49



land  geblieben  war,  die  Wiederanknüpfung  zwangsos
vollziehen;  dort  sind  auch  die  Fäden  des  Verkehrs  nicht
zerrissen  worden.  Und  so  kann  man  sagen:  Die  Volkswirtschaft
  unserer  Gegner  wird  fast  insgesamt  einen
leichteren  übergang  zur  Normalwirtschaft  finden  als
die  Volkswirtschaft  der  Zentralmächte.  Je  tiefer  die
Umgestaltung  für  Kriegszwecke  ging  und  je  intensiver
sich  die  Arbeit  ausschließlich  nach  militärischen  Gesichtslunken
  einrichten  mußte,  je  restloser  alle  Arbeit  des

andes  Kriegsarbeit  werden  mußte  —  desto  schwieriger
  die  Zurückleitung  des  ganzen  spom  weltwirtschaftlichen
  Zusammenhang  aus  gesehen),  künstlichene
  Gebildes.  In  diesem  Sinn  arbeitet  tatsächlich
  die  Zeite  gegen  uns  (Hilfsdienstgesetzl).

In  dem  Geldausdruck  der  Volkswirtschaft  *  sich
diese  Differenz  außerordentlich  prägnant.  Dadurch,
daß  die  Volkswirtschaft  der  mit  Deutschland  im  Kriege
stehenden  Staaten  den  Kontakt  mit  der  Weltwirtschaft
aufrechterhalten  konnte,  ist  mehr  oder  minder  noch
immer  ein  einheitliches  Preisniveau  in  der  ganzen
Welt  (mit  Ausschluß  der  Zentralmächte)  gegeben.
Gewiß,  die  tatsächlichen  Preise  in  den  einzelnen  Ländern
  sind  außerordentlich  verschieden  und  müssen  sich
(ie  höher  die  Frachtraten  werden  und  je  mehr  sich
der  Handelsverkehr  der  Staaten  nicht  als  freies  Geschäft
  der  Privaten,  sondern  als  Austauschgeschäft
von  Staat  zu  Staat  im  Kompensationswege  vollzieht)
immer  stärker  voneinander  unterscheiden.  Aber  prinipiell

  sind  alle  Preisunterschiede  auch  während  des
Kie  es  noch  Transportkostenunterschiede  (von  Zöllen
abgesehen).  Hingegen  hat  sich  die  Preisbildung  in
Deutschland  von  dieser  Basis  fast  völlig  lesgeiit.
Nur  historisch  hängen  die  Preise  noch  mit  den  Weltmarktpreisen
  als  ihrem  Husgangspunnt  zusammen,
hingegen  besteht  keine  tatsächliche  Verbindung  mehr.
Die  Kehrseite  dieser  Entwicklung:  Verschiebung  des
Geldwertniveaus  bei  den  Zentralmächten  gegenüber
der  übrigen  Welt.  Der  übergang  zur  Friedenswirtschaft
  verlangt  demgemäß  nicht  nur  Umstellung  der
Kriegs-zur  Friedenswirtschaft  in  der  Erzeugung.  in  der
Art  der  Produktion,  in  den  Mengen  der  Gütererzeugung.
  in  der  Verteilung,  sondern  auch  wieder  An-Kleichung
  an  das  Weltmarktpreisniveau.
adurch  daß  die  Angebots-  und  Nachfrageverhältnisse
innerhalb  der  Zentralmächte  die  Höhe  der  Löhne,
der  Preise  usw.  bestimmten,  daß  militärische  Erfordernisse
  vielfach  das  Preisniveau  korrigierten  (meist:
hobenz.  hat  sich  ein  Wirtschaftsprozeß  entwickelt,  der
eine  direkte  Verbindung  mehr  mit  dem  Weltmarktpreisniveau
  hat.  Wir  sind  auch  in  diesem  Sinn  eine
isolierte  Wirtschaft  geworden,  und  diese  Isolierung
ist  es,  die,  wenn  sie  in  gleichem  Maße  bestehen  bleibt,
für  die  Zukunft  das  entscheidende  Problem  schafft.
Damit  sind  wir  schon  etwas  über  den  Rahmen  dieser
Ausführungen  hinaus  gelangt;  aber  es  sollte  wenigteus
  angedeutet  werden,  wo  der  prinzipielle  Unterchied
  der  Kriegswirtschaft  unserer  Gegner  gegenüber
der  Deutschlands  liegt,  wenn  wir  niche  nur  die  Zeit
während  des  Krieges,  sondern  auch  die  Epoche  unmittelbar
  nach  dem  Kriege  ins  Auge  fassen.