Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1882. (9)

232  I.,  13.  Fürst  Bismarck  und  die  Parteien.  „Friktionen.“  (1871—78.)

erklärt  sich  also  nur  aus  dem  seit  1866  in  der  konservativen  Partei  gegen  ihn  augesammelten
  Ingrimm,  welchen  wir  auch  in  den  Denkwürdigkeiten  Noons  so  reichlich
aufgespeichert  sinden.  Dazu  kamen  die  Veränderungen  und  die  den  Konservaliven
unsympathischen  maßgebenden  Richtungen  im  preußischen  Ministerium.  Graf  Fritz
Eulenburg  hatte  ihr  volles  Vertrauen  nicht,  die  bürgerlichen  Minister  Delbrück  und
Camphausen  noch  weniger;  der  neue  Kultusminister  Falk  war  ihnen  im  höchsten  Grade
verdächtig,  wiewohl  auch  Noon  ihn  seiner  Tüchtigkeit  halber  dem  König  empsohlen
hatte,  nur  mit  der  Einschränkung,  „daß  er  selbst  Herrn  Falk  nicht  als  polilischen  Gesinnungsgenossen
  und  insosern  auch  nicht  als  ganz  willkommenen  Kollegen  im  Staatsministerium
  erachten  könne“  (II,  567).

Des  Fürsten  Bismarck  Gesundheit  war,  als  dieser  Konflikt  mit  den  alten  Freunden
  ausbrach,  tief  erschüttert.  Er  fühlte  sich  nicht  kräftig  geung,  neben  der  auswärtigen
Politik  des  Deutschen  Reiches  auch  die  inneren  Kämpfe  des  preußischen  Ministerpräsidenten,
  namentlich  gegen  die  eigenen  Parteigenossen,  durchzuführen,  und  erbat  daher
vom  Könige  seine  Entlassung  aus  diesem  Amte  und  die  Ernennung  Noous  zum
preußischen  Ministerpräsidenten,  obwohl  dieser  selbst  gerade  zu  dieser  Zeit  auch  um
seine  Entlassung  als  Kriegsminister  eingekommen  war.  Der  Hauptgrund  für  diesen
Schritt  mochte  Bismarcks  Hoffnung  sein:  der  den  Konservativen  herzlich  sympathische
Noon  könne  den  bereits  vollzogenen  Bruch  wieder  heilen.  Wir  verdanken  den  „Denkwürdigkeiten
  Noons“  erst  die  volle  Klarheit  über  diese  bis  dahin  dunkle  Angelegenheit.
  Bismarck  schrieb  nämlich  an  Roon  von  Varzin  aus  am  13.  Dezember  1872,
daß  er  am  folgenden  Tage  in  Berlin  eintressen  werde:  „nicht  weil  ich  mich  gesund
fühle,  sondern  weil  ich  für  Pflicht  halte,  die  Situalion  mit  Sr.  Majestät  und  mit
Ihnen  mündlich  zu  besprechen“.  Nach  dieser  Einleitung  lautet  das  denkwürdige
Schreiben  (II,  580  ff.:

„Lieber  Roon:  Mein  Gefühl  sagt  mir  seit  Monaten,  daß  ich  die  alte  Gesundheit  nicht  wiedererlange
  und  also  auch  den  allen  Geschästskreis  nicht  wieder  übernehmen  kann.  Solange  der
König  es  besiehlk,  will  ich  ihm  als  auswärtiger  Minister  gern  weiler  dienen,  da  ich  die  mehr  als
20ährige  Erfahrung  in  der  enropäüschen  Politik  und  das  Vertrauen  fsremder  Höse  nicht  auf  einen
andern  übertragen  kann.  Aber  die  answärtigen  Angelegenheiten  der  stärlsten  Großmach!l  nehmen
  einen  vollen  Mannesdienst  in  Anspruch,  und  es  ist  eine  unerhörte  Anomalie,  daß  der  auswärtige
  Minisier  eines  großen  Reichs  daneben  die  Verantwortung  für  die  iunere  Politik  desselben
  tragen  soll.  Mein  Gewerbe  ist  ein  solches,  in  dem  man  viele  Feinde  gewinnt,  aber  keine
neuen  Freunde,  sondern  die  alten  verliert,  wenn  man  es  zehn  Jahre  lang  ehrlich  und  furchtlos
belreibl..  Das  mum  ich  tragen,  wenn  ich  auswärliger  Minister  bleiben  und  der  König  mich
noch  schneller  anfreiben  will,  als  ich  ohnehin  zu  Grunde  gehe.  Im  Innern  habe  ich  den  Voden.
der  mir  annehmbar  ist,  verloren  durch  die  Desertion  der  klonserwaliven  Partei  in  der  katholischen
  Frage.  In  meinen  Jahren  und  mit  der  Uberzeugung,  nicht  lange  mehr  zu  leben,  hat  der
Verlust  aller  alten  Freunde  und  Verbindungen  elwas  für  diese  Well  Entmutigendes,  was  bis
zur  Lähmung  gehl,  wenn  die  Sorge  um  meine  Frau  dazutritt,  wie  das  seit  Monaten  verstärkt
wiederkehrt.  Meine  Federn  sind  durch  Überspannung  erlahmt.  Der  König,  als  Reiter  im  Sattel,
  weiss  wohl  kaum,  daß  und  wie  er  in  mir  ein  braves  Pserd  zu  schanden  gerikten  hat.  Die
Faulen  halten  länger  aus,  aber  ullis  posse  nemo  obligatur  (über  seine  Kraft  ist  niemand  ver-