2. Flugblattpropaganda 163
man aus der Türkei erhalten. — Man log bewußt, denn alle Einsichtigen
wissen, daß die Türkei nichts liefern kann, daß in Konstantinopel
und den Küstenstädten Kleinasiens Mangel herrscht, daß die
türkische Regierung ihre Armee nicht mehr nähren kann.
Jetzt vertröstet man uns auf die kommende Ernte: alle Not werde
ein Ende haben, wenn die neue Frucht da ist. — Auch das ist bewußter
Schwindel. Die einfache Rechnung sagt: in zweiundzwanzig Kriegsmonaten
wurden zwei Ernten verzehrt, außerdem die großen Vorräte
an Viehfutter, Zucker und anderen Produkten, die zu Kriegsbeginn im
Lande lagerten; ferner alles, was in den besetzten Gebieten, in Belgien,
in Nordfrankreich, Polen, Litauen, Kurland, Serbien an Lebensmitteln
„requiriert“ wurde; schließlich noch das, was aus Holland und den
skandinavischen Ländern eingeführt werden konnte. Jetzt gibt es nichts
mehr. Die besetzten Gebiete sind bahl gefressen, die Menschen sterben
bereits Hungers in Polen und in Serbien. Die neutralen Staaten
sperren die Ausfuhr hermetisch ab, weil sie selbst Mangel leiden. Die
einheimische Ernte kann nicht viel liefern, denn die Felder wurden aus
Mangel an Arbeitskräften, an Dünger und Saatgut schlecht bestellt.
Die Viehstände sind gering.
Ein „Lebenemitteldiktator“ soll für gute Verteilung sorgen: Zu
spät! Die Lebensomittelwucherer haben ihr Werk vollbracht. Packt man
sie jetzt an der Gurgel, so hilft's nichts. Es gibt nicht mehr so viel
zu „verteilen“, daß man das Volk satt machen kann.
Das ist die nackte Wahrheit.
Man hat das Volk in den Krieg gebetzt, bei dem die Zufuhr abgeschnitten
wurde, kapitalistische Verbrecher haben unter Duldung der
Regierung das übrige getan.
Was soll werden?
Man kann noch ein halbes Jahr, vielleicht ein ganzes Jahr Krieg
führen, indem man die Menschen langsam verhungern läßt. Dann wird
aber die künftige Generation geopfert. Zu den furchtbaren Opfern an
Toten und Krüppeln der Schlachtfelder kommen weitere Opfer an
Kindern und Frauen, die infolge des Mangels dem Siechtum verfallen.
Und auch dann gibt es noch kein Ende, denn dieser Krieg kann
nicht mehr mit Waffengewalt entschieden werden, wenn er auch noch
ein Jahr oder zwei dauert. Der deutsche Militarismus steckt nach allen
seinen „Siegen“ in der Sackgasse. Wenn jetzt der Krieg fortdauert, so
11