Contents : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

190  Der  rhythmische  Ton.

große  Schönheit  der  Sprache  eben  in  diesen  feineren
rhythmischen  Unterschieden  besteht,  so  muß  ein
guter  Vortrag  darauf  bedacht  sein  sie  zuerhalten
und  nicht  zu  verwischen').

§  79.  Faßt  man  das  bisher  Gesagte  noch  einmal  kurz
zusammen,  so  bildet  sich  der  Rhythmus  der  Sprache  durch  das
Zusammenwirken  folgender  Gesetze.  «

A.  Bei  den  Wörtern  an  und  für  sich.
1)  Der  Hauptton  des  Wortes.
2)  Die  Tondauer  des  Vokals.
a.  Die  Klangfülle  des  Vokals.
b.  Die  Position  oder  Konsonantenhäufung.
B.  Bei  den  Wörtern  in  Satzverbindung.
1)  Der  Wortton.
2)  Der  Beziehungston.
C.  Bei  den  Wörtern  im  Verse.

1)  Das  Taktgefühl  oder  der  Verstakt.

Hat  man  sich  diese  Grundsätze  eingeprägt,  so  ist  es  leicht
das  rhythmische  Verhältnis  1)  der  einsilbigen  Wörter,  2)  der
zusammengesetzten  Wörter  zu  bestimmen.

In  mehrsilbigen  Wörtern,  wo  vor  oder  nach  der  Stammsilbe
  leichte  Formsilben  vorkommen,  hat  die  Sprache  in  der
Wortbildung  das  rhythmische  Verhältnis  schon  selbst  geschaffen.
Die  schwachbetonten  und  darum  rhythmisch  leichten  Artikel  und
persönlichen  Fürwörter,  die  meistens  vor  den  Substantiven  und
Verben  stehen,  begünstigen,  wie  schon  bemerkt,  das  rhythmische
Verhältnis  in  der  Wortfügung  sehr“).

*)  Es  ergiebt  sich  demnach  eigentlich  ein  doppeltes  Maß  für  die  Silben,
eines  in  der  Prosa,  eines  im  Verse.  In  der  Prosa  machen  sich  alle  feinen
Rrhythmischen  Unterschiede  ganz  ungezwungen  geltend  und  für  die  Prosa  reicht
die  Bezeichnung  von  schweren  und  leichten  Silben  nicht  aus.  Im  Berse  da-Loen
  ergiebt  sich  ein  strenges  Maß  von  nur  zwei  Stufen.  Man  würde  im

erse  vielleicht  daher  richtiger  statt  schwer  und  leicht  die  Silben  arsisch  und
thetisch  nennen.  Denn  im  Verse  handelt  es  sich  ja  nicht  darum  wie  leicht
und  schwer  die  Silben  nach  ihren  verschiedenen  Abstufungen  sind,  sondern  ob
sie  in  der  Arsis  oder  in  der  Thesis  stehen  können.  Ganz  folgerichtig  würde
man  daher  auch  die  Versfüße  4  definieren:  Ein  Trochäus  hat  eine  arsische
und  thetische  Silbe  (——),  ein  Jambus  eine  thetische  und  arsische  (——),  ein
Daktylus  eine  arsische  und  zwei  thetische  (———).

**)  Mit  Ausnahme  des  zweisilbigen  unbestimmten  Artikels,  „eines,  eine,
einen  2c."“.  Die  an  sich  lange  Silbe  „ei“  ist  so  schwach  betont  daß  sie  ungern
schwer  gebraucht  werden  kann.  Und  will  man  sie  leicht  gebrauchen,  so  erhält
man  Kufi  einen  anapästischen  Anfang,  der  der  Sprache  zuwider  ist.  Der
unbestimmte  Artikel  ist  daher  für  den  Versbau  häufig  sehr  ungefüg.