— 72 —
liegende Ungerechtigkeit auszugleichen. Wenn im Jahre 1866
die Deutschen von diesem großen, edlen, Alles vermögenden
demokratischen Odem beseelt worden wären, der in der Stunde
der höchsten Gefahr das Volk zum unbesiegbaren Helden macht, Trotz
bietend nicht dem äußeren, sonderen mit gleichem Fug und Recht
auch dem inneren Feind, dann hätten wir wohl nie das beklagenswerthe
Schauspiel erlebt, daß Preußen, Sachsen, Hannoveraner,
Hessen, Badenser, Würtemberger und Bayern, alle Brüder derselben
Race, alle Söhne einer gemeinsamen Mutter, wie wilde
Thiere auf einander losstürzten. Dann wäre dieser Bruderkrieg,
unmöglich gewesen.
Aber dieselben Männer, die davon sprachen, ihre Waffen zu
zerbrechen, um sich ihren deutschen Brüdern in die Arme zu
werfen, schlugen sich, als es soweit war, wie Löwen, und bedeckten
sich, wie es nach der geweihten Formel heißt, mit Ruhm.
Man muß Herrn von Bismarck die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, daß er damals seinen Feinden die völligste Freiheit
ließ, ihren Zorn gegen die Regierung, d. h. gegen ihn, auszutoben.
In den öffentlichen Versammlungen discutirte man die
Berliner Politik, man verdammte sie mit einer Bitterkeit des
Tones, mit einer Heftigkeit der Sprache, die wahrhaft unerhört
waren. Aber Herr von Bismarck schien sich nicht im Geringsten
darum zu kümmern. Mitten auf dem Höhepunkt der Krisis, verhinderte
man nicht — wie man noch vor einigen Monaten es
gethan — diese Bürgerversammlungen, obgleich sie von den
feindlichsten Gefühlen beseelt waren. Man berief sich ihnen gegenüber
nicht auf jene Schlagworte von anarchischen Wühlereien
und auf Umsturz gerichtete Leidenschaften, wie sie unsere Staatsmänner
beständig im Munde führen, man sah die gesellschaftliche
Ordnung nicht bis in ihren Grundfesten erschüttert, als diese
theils in bedecktem Raume, theils unter freiem Himmel improvisirten
Volksversammlungen das Benehmen des Herrn von Bismarck
wiederholt auf das Entschiedenste tadelten.
Im ganzen Lande zeigte sich inzwischen dasselbe Schauspiel: