Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

 

18  Wildelm  Solf

 

Kolonien  anderer  Länder.  Das  anfangs  zurückhaltende  Kapital  hat  sich
immer  vertranensvoller  mit  der  wirtschaftlichen  Erschließung  der  deutschen
  Kolonien  befaßt,  so  daß  heute  über  eine  halbe  Milliarde  privaten
Gesellschaftskapitals  in  den  deutschen  Kolonien  arbeitet.  Vor  20  Zahren
waren  noch  nicht  62  Millionen  privaten  Kapitals  in  den  deutschen  Kolonien
  investiert.  Hat  sich  das  Kapital  in  diesem  Zeitraum  fast  verzehnfacht,
  so  hat  sich  der  Umfang  des  Außenhandels  der  deutschen  Kolonien
  in  derselben  Zeit  mehr  als  verzwanzigfacht.  Diese  glänzenden  wirtschaftlichen
  Erfolge  sind  bei  einer  völlig  liberalen  kolonialen  Wirtschaftspolitik
  erzielt  worden  durch  die  Tüchtigkeit  der  in  den  Kolonien
sich  betätigenden,  hauptsächlich  deutschen  Kanfleute,  Pflanzer  und  sonstigen
  Unternehmer,  unterstützt  von  einer  liberalen,  weitsichtigen  und
für  wirtschaftliche  Fragen  verständnisvollen  Verwaltung.

In  der  Rechtspflege  der  Schutzgebicte  besteht  ein  Unterschied
zwischen  Weißen  und  Eingeborenen.  Daß  dieser  Unterschied  leviglich
der  väterlichen  Fürsorge  für  die  Eingeborenen  seinen  Ursprung  verdankt
und  seine  Berechtigung  in  ihr  findet,  daß  diese  Differenzierung  der
Rechtssubjekte  nicht  eine  privilegierte  Stellung  der  Weißen  als  Herrenrasse
  bezweckt,  wird  niemand  bezweifeln,  der  die  Grundsätze  der  Eingeborenenbehandlung
  in  den  deutschen  Schutzgebiecten  kennt.  Aèber  diese
Grundsätze  habe  ich  mich  eingehend  vor  zwei  Jahren  im  Plenum  des
Reichstags  ausgesprochen  und  möchte  im  Rahmen  dieser  Arbeit  das
dort  Gesagte  wiederholen:

„Oie  Eingeborenen  sind  unsere  Schutzgenossen,  und  die  deutsche  Regierung
  hat  um  dessentwillen  die  Verpflichtung,  die  berechtigten  Interessen
  der  Eingeborenen  zu  den  ihrigen  zu  machen.  Oenn  wir  wollen  die
Eingeborenen  nicht  ausrotten,  wir  wollen  sie  erhalten.  Das  ist  die  Anstandspflich!,
  die  wir  mit  der  Hissung  der  deutschen  Flagge  in  unseren
afrikanischen  Kolonien  und  in  der  Südsee  übernommen  haben.  Die
Ausübung  dieser  Pflicht  entspricht  auch  der  Klugheit;  denn  sie  allein
verschafft  auch  die  Möglichkeit  vernünftiger  Wirtschaftspolitik  und  damit
  die  Grundlage  unserer  deutsch-nationalen  Betätigung.

Ich  will  nicht  den  Satz  vom  Herrenvolk  und  von  der  dienenden  Rasse
wiederholen.  Ich  meine  aber,  daß  der  Weiße  den  Eingeborenen  gegenüber
  dasteot  wie  der  Vormund  zum  Mündel,  wie  der  Erwachsenc  zum
Minderjährigen.  Räumt  man  z.  B.  dem  Eingeborenen  ohne  weiteres
die  freie  Verfügung  über  seine  Ländereien  ein,  so  wird  er  seine  Ländereien
  in  kurzer  Zeit  veräußern,  das  dafür  erhaltene  Geld  vergenden
und  verarmen.  Gibt  dann  die  Regierung  noch  den  Genuß  von  Alkohol
frei,  so  gesellt  sich  zur  Armut  die  Verlumpung;  die  Eingeborenen  ver-