Veränderungen im Ministerium. 201
protestirte gegen die Ueberweisung der Petitionen an den Minister
des Aeußern. Auf dies hin verwarf die Rechte die von Thiers gebilligte
Tagesordnung: „Die Nationalversammlung geht im Vertrauen
auf den Patriotismus und die Umsicht des Chefs der vollziehenden
Gewalt zur Tagesordnung über“ mit 375 gegen 273
Stimmen und nahm einen anderen Antrag, gegen welchen Thiers
gleichfalls nichts einwandte, mit 431 gegen 82 Stimmen an: „Die
Nationalversammlung, vertrauend auf die Umsicht und die patriotischen
Erklärungen des Chefs der vollziehenden Gewalt, überweist die Petitionen
an den Minister des Aeußern.“ Italien durfte sich von
nun an, nicht auf Krieg, aber auf kleinliche diplomatische Chikanen
von Seiten Frankreichs gefaßt machen. Das Zusammengehen Italiens
mit Deutschland war dadurch angezeigt. Favre nahm in Folge des
Beschlusses vom 22. Juli seine Entlassung als Minister des Auswärtigen
am 23. Juli. Er hätte seiner ganzen Vergangenheit ins
Gesicht schlagen müssen, wenn er sich in dieser Frage zum Vasallen
Thiers' und der Kammermajorität gemacht hätte. Eine theilweise
Veränderung des Ministeriums hatte schon früher stattgefunden.
Am 6. Juni war Lefranc zum Minister des Ackerbaus, Lambrecht
zum Minister des Innern (an Picard's Stelle), General Cissey
zum Kriegsminister (an Leflô's Stelle), Léon Say zum räfekten
des Seinedepartements (an Ferry's Stelle) ernannt worden. Am
2. August wurde an Favre's Stelle Herr v. Remusat, ein Altersgenosse
Thiers', zum Minister des Auswärtigen ernannt. Am 8. Oktober
starb Lambrecht, und sein Nachfolger im Ministerium des
Innern wurde am 10. Oktober Casimir Périer.
Aauch in der Stellung Thiers' gieng eine Veränderung vor.
Dieselbe war das Resultat der Rivalitäten zwischen den monarchischen
und republikanischen Fraktionen. Letztere fürchteten, daß jene das
Provisorium zur Herstellung einer definitiven Staatsform benutzen,
die Nationalversammlung zu einer konstituirenden erklären und dann
vermöge ihrer Majorität die Monarchie verkündigen wollen. Dem
gegenüber stellte das linke Centrum am 12. August den Antrag,
die Vollmachten Thiers' auf 3 Jahre zu verlängern und ihm den
Titel eines Präsidenten der Republik zu geben. Sollte die Versammlung
vor dieser Zeit sich auflösen, so sollten die Vollmachten
Thiers nicht 3 Jahre, sondern nur so lange dauern, als nöthig sei,
um eine neue Versammlung zu konstituiren. Die Amtsdauer des