Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zehnter Jahrgang. 1894. (35)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  9.)  51

stählen  und  Unterschlagungen  u.  s.  w.  verführt  haben.  Dem  haben  wir
vorbeugen  wollen.  Ich  kann  Ihnen  versichern,  nichts  ist  eine  wohlthätigere
Schöpfung  gewesen,  als  diese.  Aus  eigener  Initiative  der  Beamten  hervorgegangen,
  besitzen  diese  Spar-  und  Vorschußvereine  jetzt  ein  Vermögen
von  25  Millionen  Mark  —  beiläufig  eine  Ziffer,  die  doch  mit  dem  Schauergemälde,
  was  der  Herr  Vorredner  von  den  hungernden  und  darbenden
Postbeamten  vorgeführt  hat,  etwas  kontrastiert.  (Sehr  richtig!)  Und  wenn
der  Herr  darauf  hingewiesen  hat,  daß  nur  ein  Drittel  der  Mitglieder  von
den  Vorschußvereinen  Gebrauch  macht,  dann  ist  gerade  der  Beweis  geführt,
wie  richtig  diese  Einrichtung  ist,  wie  oft  es  dort  vorkommt,  daß  nicht  bloß
die  Unterbeamten,  sondern  daß  alle  Beamten  —  ich  selbst  bin  Mitglied  —
einmal  im  gegebenen  Falle  davon  Gebrauch  machen.  Ich  weiß  nicht,  wie
man  das  Herz  haben  kann,  das  eine  berüchtigte  Einrichtung,  eine  Frucht
berüchtigter  Sozialpolitik  zu  nennen.  Das  Dritte,  was  er  uns  vorgeworfen
hat,  ist  die  Kaiser  Wilhem-Stiftung.  Es  sind  ja  viele  noch  zu  meiner
Freude  im  Reichstag,  die  an  dem  kleinen  wohlthätigen  Gesetz  von  1871
Teil  genommen  haben.  Der  illustre  Befürworter  des  Gesetzes,  der  damals
nicht  das  einzige  Mal  für  die  Postbeamten  das  Wort  ergriff,  der  selige
Graf  Moltke,  ist  allerdings  nicht  mehr  unter  uns;  aber  Sie  erinnern  sich,
um  was  es  sich  handelt.  Während  des  französischen  Krieges  hatten  unsere
Feldpostrelais  nicht  bloß  den  Kriegspostdienst  zu  versehen,  sondern  auch
die  Landespost,  die  von  den  Franzosen  verlassen  worden  war.  Sie  hatten
die  Taxen  erhoben,  und  nach  Bestreiten  der  Abzugskosten  war  ein  kleiner
Ueberschuß  übriggeblieben  von  etwa  120  000  Thalern;  daraus  ist  mit  Zustimmung
  des  Reichstags  diese  Kaiser  Wilhelm-Stiftung  entstanden,  die  sich
inzwischen  durch  weitere  Zuwendungen  auf  die  Summe  vermehrt  hat,  die
der  Herr  Abgeordnete  genannt  hat.  Nun  meinte  er,  diese  Stiftung  würde
bloß  für  die  höheren  Beamten  verwendet.  Er  hat  sich  bezogen,  wie  es
schon  im  vorigen  Jahre  ein  anderer  Herr  gethan,  auf  die  Ausgabeposten,
womit  einige  Freistellen  in  dem  Kaiser  Wilhelm-Stift  für  höhere  Töchter
errichtet  worden  sind.  Erstens  aber  gehen  die  Studien  des  Herrn  Abgeordneten
  doch  noch  nicht  tief  genug;  er  übersieht,  daß  diese  Ausgabe  zwar
unter  den  laufenden  erscheint,  aber  nicht  von  den  laufenden  Einnahmen
bestritten  worden  ist,  sondern  von  dem  Kapital,  von  dem  durch  Sammlung
erworbenen  Kapital,  wozu  wir  statutenmäßig  berechtigt  sind.  Es  ist  also
keineswegs  etwa  die  ganze  Summe  entzogen  worden  der  Ausgabe  des  Jahres;
das  ist  durchaus  nicht  der  Fall.  Sodann  will  ich  ihm  zu  seiner  Beruhigung
mitteilen,  daß  wir  ähnliche  Aufwendungen  in  anderen  Jahren  für  die
Kinder  der  Postunterbeamten  gemacht  haben;  wir  haben  die  Zahl  der  Freistellen,
  die  wir  in  dem  vortrefflich  eingerichteten  Waisenhause  in  Glienicke
haben,  die  wir  von  preußischer  Seite  vorgefunden  haben,  aus  den  Kapitalmitteln
  derselben  Kaiser  Wilhelm-Stiftung  auf  die  Zahl  von  12  Stellen
erhöht.  In  jener  Stiftung,  die  dem  Herrn  Abgeordneten  anstößig  ist,  haben
wir  nur  vier  Freistellen.  Wir  haben  die  Zahl  der  Freistellen  in  dem
Waisenhause  zu  Bunzlau  erhöht.  Alle  diese  sind  ausschließlich  für  Kinder
der  Unterbeamten  bestimmt.  Man  kann  also  durchaus  nicht  sagen,  daß
wir  die  Kaiser  Wilhelm-Stiftung  ausschließlich  zu  einseitigen  Zwecken
brauchten.  Ich  protestiere  gegen  diese  Unterstellung  und  rate  dem  Herrn  Abgeordneten,
  ehe  er  mit  solcher  Zuverlässigkeit  Behauptungen  aufstellt,  künftig
in  seinen  Quellen  etwas  besser  sich  vorzusehen  (Bravol  rechts.  Zuruf  bei
den  Sozialdemokraten.)  Nun  komme  ich  zur  Hauptsache.  Die  Anklage
geht  dahin,  daß  die  Postverwaltung  darauf  ausginge,  die  Lage  der  Unterbeamten
  möglichst  herabzudrücken  und  möglichst  mit  Tagelöhnern,  wie  der
Ausdruck  gebraucht  wird,  zu  wirtschaften.  Der  Herr  Abgeordnete  ist  so

4*