34 Gustav Schmoller.
in dem repressiven Kampfe gegen die revolutionären Tendenzen und die
gehässigen, allen gesellschaftlichen Frieden bedrohenden Ausschreitungen
der Socialdemokratie durch das Socialistengesetz von 1878, andererseits
in der Ablehnung aller weitergehenden Forderungen der Arbeiterschutzgesetzgebung,
in der Durchführung der großen Arbeiterversicherungsgesetze,
in der Erleichterung oder Beseitigung der direkten Steuern und des
Schulgeldes für die Arbeiter, sowie in der Proklamierung des sogenannten
Rechtes auf Arbeit. Diese Dinge find heute allgemein bekannt; wir
haben die betreffenden Gesetze hier weder darzustellen noch zu kritisieren.
Unsere Aufgabe ist nur, uns den allgemeinen Standpunkt klar zu machen,
den Bizmarck damit einnahm, und ihn zu prüfen.
Daß ein leitender Staatsmann, der eben ein Reich aus sehr
heterogenen Elementen geschaffen hatte, der es von tausend auswärtigen
Gefahren bedroht sah, der ihm nach innen Einheit und Frieden geben,
starke patriotisch-nationale Gefühle schaffen wollte, auf die internationale
Socialdemokratie, welche Reich und Staat nicht anerkannte, jeden Tag
mit der Revolution drohte und mit jedem Gegner Deutschlands kokettierte,
nicht ohne Sorge blicken konnte, ist natürlich. Ebenso ist es bei der
Persönlichkeit Bismarcks begreiflich, daß er rasch zu den energischsten
Mitteln griff. Dabei wird man ihm nicht vorwerfen können, daß er
nicht zwischen den revolutionären Führern und der socialdemokratischen
Masse unterschieden habe, die an sich harmlos ist, begründete Ursache zu
mancherlei Klagen hat und deshalb unzufrieden, ohne klares Urteil über
die Pläne und Versprechungen der radikalen Führer diesen folgt. Oft
hat er das gethan und häufig ein kiares Verständnis für die relative
Berechtigung der Socialdemokratie gezeigt, die man heute bei seinen
Nachtretern vergeblich suchen würde. So hat er es z. B. 1884
(26. November) ausgesprochen, daß er die Zunahme der socialdemokratischen
Abgeordneten im Reichstag nicht für ein Unglück ansehe, da
sie bei größerer Zahl endlich positive Vorschläge machen müßten. Er
fügte, als er das aussprach, hinzu, Auer habe ganz Recht: „Wenn es
keine Socialdemokratie gäbe und wenn nicht eine Menge Leute sich vor
ihr fürchteten, würden die mäßigen Fortschritte, die wir überhaupt in
der Socialreform bisher gemacht haben, auch noch nicht existieren."“
Die Utopien der Socialisten, sagte er einmal, können vor der Mehrzahl
der gebildeten Leute keinen Bestand haben, und find daher vollständig
ungefährlich. Immer wieder hat Bismarck betont, daß er ein warmes
Herz und offenes Ohr für die vernünftigen Bestrebungen der Arbeiter
habe, daß er seine Bemühungen, ihr Los, ihren Anteil am Einkommen
zu verbessern, fortsetzen werde. Oft hat er gewarnt, jede Maßregel zu