Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Bedeutung  dieser  Vorgänge.  60“

seits  war  der  wesentliche  Eindruck  der  Gespräche,  wie  wir  aus  seinen  Worten
ersehen  haben,  daß  Frankreich  gegen  erhebliche  Landerwerbungen  Preußens
schließlich  keine  Einwendungen  erheben  werde,  wenn  man  fest  auf  ihnen  bestehe.
  Schon  der  Ton  seiner  Oepeschen  an  Goltz  zeigt,  daß  er  mit  diesem
Ergebnis  recht  zufrieden  war,  und  die  Aufzeichnungen  von  Stosch  über  seine
Unterredung  mit  Bismarck  vom  76.  Juli  bestätigen  dies.  Auch  wird  Bismarck
  durch  Benedettis  Verhalten  in  der  Meinung  bestärkt  worden  sein,  daß
Kaiser  Napoleon  weit  entfernt  sei  von  dem  Entschluß,  Preußen  mit  Waffengewalt
  in  den  Weg  zu  kreten.

mäßte  Herring  ebenfalls  am  Vormittag  des  19.  dort  angelangt  sein.  Die  Entfernung
Wien—  Brünn  beträgt  144  Kilometer,  Wien—Nikolsburg  108  Kilomeker;  zu  Wagen  und
unter  Vorpostenschwierigkeiten  dürften  diese  Strecken  nicht  unter  15  resp.  11  Stunden  zurückzulegen
  sein.  War  Herring  dreißig  Stunden  in  Wien,  so  ergibt  sich  folgende  Rechnung:
Abreise  von  Wien  am  18.  spät  abends;  Ankunft  in  Wien  am  17.  nachmittags;  Abreise  von
Brünn  am  16.  spät  abends.  Das  Gespräch  zwischen  Bismarck  und  Giskra  könnte  dann
am  16.  Juli  stattgefunden  haben.  —  Sonderbar  bleibt  ferner,  daß  Benedetti  vor  seiner
Abreise  aus  Wien,  also  jedenfalls  vor  dem  18.  mietags  die  Justimmung  Österreichs  zu  den
französischen  Bedingungen  erhielt,  während  man  gleichzeitig  dem  Baron  Herring  noch  Hoffnung
  auf  direkte  Verständigung  gegeben  haben  soll.  Bismarck  selbst  erklärte  die  Annahme
der  französischen  Vorschläge  am  18.  Juli,  ohne  die  Rückkehr  Herrings  abzuwarten;  sollte  er
gehofft  haben,  Herring  würde  Ofterreich  zur  Ablehnung  oder  dilatorischen  Behandlung  der
französischen  Vorschläge  bestimmen  können?  Das  würde  natürlich  Preußens  Situation
erheblich  verbessert  haben.  Daß  er  jedenfalls  bei  Napoleon  die  Furcht  einer  direkten  Verständigung
  zwischen  Preußen  und  Wien  lebendig  erhalten  wollte,  beweist  folgender  kleine
Vorfall.  Auf  das  obenerwähnte  Telegramm  von  Goltz  hatte  Baron  Werther  ohne  vorherige
Anfrage  bei  Bismarck  erwidert,  von  direkten  Friedensverhandlungen  sei  ihm  nichts  bekannt;
er  meldete  dies  Bismarck  am  15.  Juli;  Bismarck  kelegraphierte  umgehend  zurück  (17.  Juli):
die  Nachschrift  sei  ihm  sehr  unerwünscht,  er  möge  das  Geschehene  womöglich  zurücknehmen.
Werther  gab  dies  Telegramm  nach  Paris  weiter.