Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

214  Drittes  Buch.  An  der  Wende  der  Zeiten.

Versassung  wollten  die  einen  überhaupt  nichts  wissen,  die
anderen  höchstens  die  Provinzialstände  ausbauen,  und  nur
einzelne  hielten  das  Einlenken  in  konstitutionelle  Bahnen  für
geboten,  weil  bloß  dann  Preußen  eine  leitende  Stellung  in
Deutschland  gewinnen  könne.  So  hing  auch  hier  alles  von
dem  König  persönlich  ab,  und  das  führte  bei  seiner  unberechenbaren
  Impulsivität  zu  Konflikten  selbst  da,  wo  solche  sachlich
nicht  begründet  waren.

Der  König  wollte  zunächst  gemäß  dem  letzten  Willen  des
Vaters  (S.  196)  die  Stände  der  einzelnen  Provinzen  zur
Huldigung  versammeln  und  dabei  bestimmen,  daß  sie  je  vier
Deputierte  wählten  und  diese  mit  32  von  ihm  zu  ernennenden
Staatsratsmitgliedern  als  Reichsstände  anerkannten.  Dann
werde  er  freier  und  mächtiger  dastehen  als  vorher.  Daß  die
Provinzialstände  zu  einem  solchen  Anerkenntnis  nicht  legitimiert
waren,  übersah  er.  Nachmals  hat  er  geklagt,  sein  Vorhaben
sei  gescheitert  an  dem  Widerspruch  der  Minister  und  den  sonst
von  ihm  um  Rat  Gefragten:  nur  Boyen  habe  es  gebilligt.  Auf
dieselbe  Art  hat  er  alle  Zeit  die  Verantwortung  für  begangene
Fehler  von  sich  abzuwälzen  gesucht:  den  königlichen  Mut  des
eigenen  Willens  hat  er  nie  besessen.  Zunächst  geschah  daher
überhaupt  nichts.  Doch  wurden  die  Stände  der  beiden  nicht
dem  deutschen  Bunde  angehörigen  Provinzen  Preußen  und  Posen
auf  Anfang  September  zur  Erbhuldigung  nach  Königsberg  geladen.
  Indem  er  sie  aufforderte,  altem  Brauch  gemäß  anzugeben,
  welche  Privilegien  sie  bestätigt  zu  sehen  wünschten,  und
zwölf  Mitglieder  der  Ritterschaft  als  Vertreter  des  Herrenstandes
  zu  wählen,  fingierte  er  zwischen  den  1823  auf  neuer
Grundlage  und  zu  neuen  Zwecken  geschaffenen  und  den  alten
preußischen  Ständen  einen  Zusammenhang,  der  thatsächlich
nicht  bestand,  und  mutete  daraufhin  jenen  einen  Schritt  zu,
der  durch  Schaffung  einer  vollendeten  Thatsache  seine  mittelalterlich
  ständischen  Ideale  der  Verwirklichung  näherte.

Wieder  lag  die  Entscheidung  über  das  Schicksal  Preußens
in  der  alten  Ostmark,  und  wieder  bewährte  deren  Bevölkerung
zum  Heil  des  Ganzen  richtigen  politischen  Takt  und  tapferen
Freimut.  Jubelnd  empfangen,  zog  das  Herrscherpaar  am