260 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Oct. 9.)
Ein Rücktritt des Ministeriums Lutz ist jedenfalls sehr unwahrscheinlich
und selbst starke Abstriche in seinen Budgetforderungen
dürften dasselbe kaum dazu veranlassen.
9. October. (Deutsches Reich.) Herr. v. Bennigsen hält
auf einem nationalliberalen Parteitag in Magdeburg eine große
Rede, in der er sich gegen die Fortschrittspartei über die Vergangenheit
und gegen die geplante conservativ-ultramontane Partei über
die Zukunft der nationalliberalen Partei offen ausspricht und gegen
die Regierung das Tabakmonopol, den Staatssozialismus und einen
unter Preisgebung der unveräußerlichen Rechte des Staats von den
Conservativen und Ultramontanen angestrebten Ausgleich mit Rom
entschieden ablehnt. Eine Stelle in seiner Rede gibt Veranlassung
zu Enthüllungen über den vor 3 Jahren beabsichtigten Eintritt Bennigsens
und seiner Freunde in das preußische Ministerium und in
die Reichsämter.
Die Stelle lautet: „Kaum drei Jahre sind es her, daß an meiner
Stellung zum Tabaksmonopol die damalige Combination, welche der Reichskanzler
selbst ernstlich wünschte, mein Eintreten und das anderer liberaler
Männer ins Ministerium und in die Reichsämter scheiterte, hauptsächlich
wenn auch nicht allein, weil ich es ablehnte, die Verantwortlichkeit für die
Durchführung des Monopols zu übernehmen.“ Dieser Behauptung gegenüber
wird nun von der „Nordd. Allg. Ztg.“ in zwei Artikeln aufs Bestimmteste
behauptet, daß der Eintritt v. Bennigsen's in das preußische
Ministerium und in die Reichsregierung nicht am Tabaksmonopol, sondern
an der Forderung Bennigsen's, daß das Ministerium des Innern gleichzeitig
Herrn v. Forckenbeck übertragen werden solle, gescheitert sei, indem der Reichskanzler
dieß entschieden abgelehnt habe. Ende 1878 und in den ersten
Tagen 1879 habe der Reichskanzler das Tabaksmonopol wohl als sein
„Ideal“ bezeichnet, aber noch nicht daran gedacht, es als Bedingung für
einen Minister aufzustellen, weder gegenüber Camphausen noch gegenüber
Hobrecht. „Warum sollte der Reichskanzler gerade Herrn v. Bennigsen
gegenüber hierin strenger monopolistisch verfahren sein, da bei diesem Staatsmann
die Bedeutung seines Eintritts vielmehr in seinem politischen Gewicht,
als in seiner Stellung zu einzelnen technischen Fragen lag. Die Thatsache
ist die, daß im Februar und März, auch wenn Herr v. Bennigsen sich bereit
erklärt hälte, überzeugt und energisch für das Tabaksmonopol eintreten zu
wollen, der Moment für seinen Eintritt in das Ministerium doch schon versäumt
war: Schon zu Anfang des Januar 1878 war die Fortsetzung der
Verhandlungen mit Herrn v. Bennigsen auf Grund erstatteter Berichte Allerhöchsten
Orts inhibirt worden, ohne daß hierbei das Tabaksmonopol überhaupt
zur Sprache kam, der Moment des Scheiterns der Combination lag
also in den ersten Tagen des Januar, der Tabak kam erst Ende Februar
und Anfang März mit festgestelltem Programm zur Sprache. Am 14. Febr.
war der bis dahin an's Krankenlager gefesselte Reichskanzler in Berlin eingetroffen,
und erst nach seiner Ankunft wurde die Stellung des preußischen
Staatsministeriums zur Tabaksfrage definitiv geregelt. Wir glauben hiermit
unwiderleglich den Beweis geführt zu haben, daß Herr v. Bennigsen sich
irrt, wenn er glaubt, daß die damalige Ministercombination an der Monopolfrage
gescheilert sei. Nöthigenfalls gestatten die vorhandenen Materialien