— 61 —
nommen; nur soll der Staat dazu nicht verpflichtet werden. Die
Religion ist immer fortschrittsfeindlich, das ist ihr Lebensprinzip.
Jeder Fortschritt untergräbt ihre Macht, deshalb häßt sie ihn,
wo sie die Macht dazu hat.
Der Fortschritt aber ist das Lebensprinzip der Gesellschaft,
und zwar stetiger fortgesetzter Fortschritt, Fortschritt in allen
Lebensbeziehungen und auf allen Gebieten.
Der Socialismus verlangt nicht gewaltsame Unterdrückung
oder „Abschaffung“ der Religion — er weiß, daß etwas aus
natürlichen Bedingungen Gewordenes sich mit Gewalt nicht abschaffen
läßt — sondern Trennung der Religion, resp. der Kirche
vom Staat und von der Commune, und Trennung der Kirche
von der Schule, mit einem Wort: die Abschaffung des öffentlichen
Cultusbudgets und seine Verwendung für Bildungs= und
Culturzwecke. Er will nicht den Scheinculturkampf, den der
Liberalismus führt, sondern den wirklichen, ganzen Culturkampf
für die denkbar höchste geistige und physische Vervollkommnung
des Menschengeschlechts. —
s ist ein langes Sündenregister, das wir vom Liberalismus
entrollt haben, und doch ist dasselbe noch nicht zu Ende.
Der Liberalismus will herrschen, und herrschen heißt unterdrücken.
Keine Herrschaft ist ohne Umerdrückung möglich. Wer
herrschen will, muß dem, den er beherrschen will, sein Recht und
seine Freiheit vorenthalten, und das geschieht.
Das wichtigste politische Recht ist die Ausübung des politischen
Stimmrechts, und zwar des gleichen und direhten Stimmrechts,
das man für die Reichstagswahlen nur nothgedrungen gab,
weil man kein anderes, für alle Staaten passendes, finden konnte
und das man durch die Diätenlosigkeit der Gewählten, die Wahlbeeinflufsungen,
die Beschränkungen der Preßfreiheit und die
mööglichste Unterdrückung der Vereins= und Versammlungsfreiheit
zu „corrigiren“ suchte und noch sucht.
Der Liberalismus war dem allgemeinen Stimmrecht nie
Kü, aber nachdem es einmal für den Reichstag eingeführt war,
onnte er es nicht mehr ignoriren, und eventuell konnte die Erklärung:
das allgemeine Stimmrecht zu wollen, ein Zugmittel
für die Wähler Hin. So geschah es, daß in dem Wahlaufruf
der national-liberalen Partei vom 18. Oktober 1867 erklärt
wurde: „das beschränkte Klassenwahlsystem hat sich überlebt und
der nächste Landtag wird zu prüfen haben, in welcher Weise und
unter welchen Voraussetzungen der Uebergang zum allgemeinen
Stimmrecht zu bereiten ist.“
Und am 3. November 1869 erklärte der Hauptführer der
National-Liberalen, Herr Lasker, gelegentlich der Berathung einer
Petition im preußischen Abgeordnetenhause: für die Aufhebung