Politik Camphausens. 243
Revolutionsjahres fest, so wird doch deshalb niemand behaupten wollen,
daß auch die preußische Politik während dieser Zeit eine konsequente und
einheitliche gewesen sei. Denn die Politik wurde seit der Märzrevolution nicht
mehr von dem Könige allein geleitet; die persönlichen Anschauungen der
Minister und die Rücksicht, die sie auf die Mehrheit des preußischen Landtages
nehmen zu müssen glaubten, waren ebenso wichtige Faktoren geworden, wie
der Wille des Königs. Die Schwankungen und Wendungen, die wir in der
preußischen Politik während dieses Jahres wahrnehmen, sind nicht ein Ergebnis
der Schwäche und Unentschlossenheit Friedrich Wilhelms, sondern
ein Ergebnis der noch unfertigen neuen politischen Einrichtungen, die Preußen
durch die Märzrevolution erhalten hatte.
Die Minister trieben seit den Märztagen eine andere Politik wie der König.
Ich habe nachzuweisen gesucht, daß auch diese Politik von festen und klaren
Gesichkspunkken geleitet war. Der treibende Geist für die ministerielle Politik
war Camphausen, der erst als Ministerpräsident, dann als Bevollmächtigter
in Frankfurt das Programm dafür entworfen, und soweit seine Kräfte
reichten, durchgeführt hat. Wenn die Minister in Berlin wankend wurden
und den persönlichen Einflüssen des Königs nachzugeben drohten, setzte er
sich mit aller Kraft dafür ein, sie wieder in das vorgezeichnete Geleise zu
schieben. So eilte er in den schwierigsken Nomenken, dem Juli und September
r848, dem Januar, März und April 1849 selbst nach Berlin und
rang mit dem Könige um die Seelen der Minister. Seine Politik aber war
zwar auch deutsch, aber in anderem Sinne wie die des Königs. Für ihn war
ein gemeinsames inneres Skaatsleben auf parlamentarischer Grundlage ein
wesentliches Stück der deutschen Einheit und Größe; Recht und Wirtschaft
sollten ebenso wie Diplomatie und Heerwesen Sache der Gesamtheit sein und
den Einzelstaaten nur verbleiben, was die Gesamtnation nicht berühre.
Seine Politik war aber auch viel stärker preußisch gefärbt als die des Königs.
Sie beruhte auf der Überzeugung, daß die preußische Hegemonie über Kleindeutschland
im letzten Grunde auch den wahren Interessen Deutschlands am
besten und allein entspreche. Jugleich behielt er immer die Möglichkeit im
Auge, daß die deutsche Einheit auch in dieser Beschränkung vielleicht scheitern
könne, und war für diesen Fall bereit und entschlossen, nur die preußischen
Interessen zu Rate zu ziehen und Preußen so viel Macht in Deutschland zu
verschaffen, als sich ohne offenen Bruch des Rechts und ohne offenen Krieg
erreichen lasse. Hier lag zweifellos die größte Schwäche seiner Politik; denn,
wer so Großes erreichen will, darf auch vor dem offenen Kampf mit den
Waffen physischer Gewalt, wenn anders nicht zum Ziele zu gelangen ist, nicht
zurückschrecken. Er war ferner bereit, die Hilfe der Revolution sowohl für
die Gründung der deutschen Einheit wie für die Nachtvergrößerung Preußens
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