4951 Die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine. 228
wenn er gedeihen soll. Da umfaßt aber z. B. der Hirsch-Duncker'sche Gewerkverein
der deutschen Fabrik- und Goteseiter: Weißgerber, Holzarbeiter, Mühlenbauer,
Hechler, Nagelschmiede, Schlosser, Maschinensticker 2c.; der Hirsch-Duncker'sche Gewerkverein
der deutschen Stuhlarbeiter und verwandten Berufsgenossen: Weber, Seidenwirker,
Tuchmacher, Spinner u. A. In England vereinigt nicht einmal die Spinner
und Weber ein und derselbe Gewerkverein, weil ihre Interessen thatsächlich oft auseinander
gehen. Welches Interesse aber haben z. B. Weißgerber und Holzarbeiter,
einander zu unterstützen, wenn die Einen von Beiden bei einer Differenz mit ihren
Arbeitgebern über den Preis ihrer Waare, deren Angebot vom Markte zurückziehen?
Das nenne ich eine schablonenhafte Organisation, die das Gegentheil einer naturwüchsigen
ist. Sie erklärt nicht nur, warum der Indifferentismus der Anhänger,
über den Dr. Hirsch von Anfang an mehr als über die Feindschaft der Gegner geklagt
hatte, nicht nur nicht schwand, sondern die Gewerkvereinsbewegung seit ihreer
Entstehung sogar zurückging. Soll aus den deutschen Gewerkvereinen etwas werden,
so müssen fie sich vor Allem lokal und je nach den Gewerben mit gemeinsamen Interessen
auf eigene Füße stellen.
Als weiterer Nachtheil, unter dem die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine leiden,
habe ich es bezeichnet, daß sie kut der entgegenstehenden Bestimmung ihrer Statuten,
welche den Gewerkvereinen die Beschäftigung mit Politik untersagt, einen politischen
Charakter haben, indem sie als Arbeiterorganisationen im Interesse der Fortschrittspartei
erscheinen. Selbstverständlich sage ich dies nicht, weil ich etwa wunschte, daß
sie als Arbeiterorganisationen im Interesse der einen oder der anderen politischen Partei
erschienen. Ich habe weder etwas dagegen, daß sie von einem Fortschrittler ins
Leben gerusen worden sind, noch auch, daß ihre Mitglieder im Einzelnen sich zur
Fortschrittspartei halten, wenn deren Programm ihrer politischen Ueberzeugung
entspricht. Dies habe ich gleichfalls schon 1878 gegenüber Bamberger hervorgehoben.
Allein ich finde es beklagenswerth, daß sie thatsächlich als Arbeiterorganisationen
im Interesse einer politischen Partei erschienen und dadurch die zu anderen
Parteien sich rechnenden Arbeiter abgehalten haben, praktisch zu versuchen, durch
Betheitigung. an ihrer Organisation auf Grundlage der heutigen Erwerbsordnung
ihre Lage zu bessern. England hatte bekanntlich in der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts sowohl eine socialistische, als auch eine socialdemokratische Bewegung.
Daneben fand die allmälige Entwickelung der englischen Gewerkvereine statt. Allein diese
englischen Gewerkvereine schlossen weder Socialisten noch Chartisten von der Theilnahme
an ihrer Organisation aus; sie erstreckten vielmehr die Bestimmung ihrer Statuten,
daß weder religiöse noch politische Erörterungen in den Gewerkvereinen stattfinden durften,
auch auf das Socialisten= und Chartistenprogramm, und in den Gewerkvereinen fanden nur
die nüchternen Erörterungen der jeweiligen Geschäftsinteressen der Arbeiter der betreffenden
Industriezweige auf Grundlage der gegebenen Erwerbsordnung statt. Und
so kam es, daß auch Socialisten und Chartisten Mitglieder der englischen Gewerkvereine
wurden; ja der bekannte englische Arbeiterschriftsteller Lloyd Jonas versicherte
mir, daß die Mehrzahl der Mitglieder der englischen Gewerkvereine zur Zeit der
Chartistenbewegung an dieser theilnahm. Die Ueberwindung dieser Bewegung in der
Arbeiterbevölkerung fand eben dadurch statt, daß die Arbeiter in ihren auf dem
Boden der heutigen Erwerbsordnung stehenden Gewerkvereinen praktisch erprobten,
daß auf dem Boden dieser Erwerbsordnung eine Besserung ihres Looses ein Ding
der Möglichkeit sei, wobei dann Viele das socialistische Ziel als eine Art Ideal noch
weiter in ihren Herzen bewahrten. So erzählte mir Allan, der verstorbene Generalsekretär
der englischen Maschinenbauer, der durch mehr als 20 Jahre den Gewerkverein
derselben mit erstaunlicher Geschicklichkeit und untadelhafter Nüchternheit
leitete, daß er in seiner Jugend Anhänger Owen's gewesen sei und noch jetzt die
Gütergemeinschaft als das Ideal einer wirthschaftlichen Organisation betrachte. Als
ich darauf scherzend bemerkte, warum er, wenn dies sein Ideal sei, seinen Gewerkverein
nicht zu bewegen versuche, sein großes Vermögen auf die Verwirklichung dieses
Ideals zu verwenden, brauste er bei dem Gedanken auf, daß man ihm die Verwirklichung
einer solchen Utopie zumuthen könne. Es war ihm sein Ideal wie eine
Nippsache, die man hinstellt, um sich an ihrem Anblick zu freuen, ohne daran zu
denken, sie je in Gebrauch zu nehmen. Ganz analog den englischen Gewerkvereinen
hat sich bei uns der deutsche Buchdruckerverband verhalten, den ich keineswegs, wie
Dr. Hirsch mir zuschreibt, für ein Ideal halte, von dem ich vielmehr recht gut weiß,
daß er auch manches Thörichte unternommen und manche verdiente Niederlage er-