Full text : Bavaria. Landes und Volkskunde des Königreiches Bayern.

988  Schwaben  u.  Neuburg.

Die  kaiserlose  Zeit  war  zu  Ende.  Rudolf  von  Habsburg  hielt
1276  zu  Augsburg  einen  Reichstag  und  für  die  Geschichte  der  Stadt  beginnt
eine  neue  Periode.  Die  Bürger  überreichten  ihm  zur  Bestätigung  das  Stadtbuch,
  eine  Zusammenstellung  der  „Rechte  des  Vogts  oder  des  Burggrafen
an  Zöllen  oder  an  Münzen  oder  eines  jeglichen  Mannes  Recht,  er  sei  arm
oder  reich“,  mit  der  einleitenden  Bemerkung,  die  ältesten  und  unterrichtetsten
Rathgeber  der  Stadt  hätten  sie  im  Einverständniß  mit  dem  Bischof  und  seinen
  Chorherren  abgefaßt.  Das  letztere  mag  bezweifelt  werden,  da  sich  in
keiner  Urkunde  —  auch  nicht  im  Original,  im  sog.  schwarzen  Buch  —  ein
Beweis  für  jene  Einwilligung  findet,  und  in  spätern  Verträgen  zwischen  Bischof
  und  Bürgerschaft  dieses  Buches  nicht  einmal  Erwähnung  geschieht.  Sei
dem  wie  immer.  Der  Kaiser  bestätigte  „alle  Rechte  oder  Verordnungen,  die
schon  in  dem  Buch  geschrieben  sind  oder  noch  geschrieben  werden“.  Damit
war  eine  breite  Grundlage  für  weitere  Entwicklung  der  Stadtfreiheiten
  gegeben,  die  durch  finanzielle  Verlegenheiten  des  Bischofs  Hartmann
nur  gefördert  werden  konnte.  Er  sah  sich  mehrmals  in  der  Lage,  von  Bürgern
  Geld  zu  borgen  und  verpfändete  auf  bestimmte  Zeit  die  Stadtpräfectur
mit  allen  Nutzungen  und  Ehren,  überließ  der  Stadt  das  Umgeld  von  Wein
und  Waaren  bei  den  Thoren,  räumte  ihr  sogar  zeitweise  das  Münzrecht  ein.
Gegen  das  Hochstift  erwies  er  sich  aber  als  besonderer  Wohlthäter,  indem
er,  der  letzte  des  Geschlechts  der  Grafen  von  Dilingen,  sein  väterliches  Erbgut
  der  Augsburger  Kirche  vermachte.  Die  Wohlthätigkeits=  und  kirchlichen
Anstalten  hatten  überhaupt  im  letzten  Jahrhundert  manchen  schönen  Zuwachs
erhalten.  Bei  der  Kirche  des  hl.  Georg  ward  1135  ein  regulirtes  Kanonicatstift
  unter  der  Regel  des  hl.  Augustin  errichtet,  das  Spital  zum  hl.  Kreuz
ward  besser  dotirt  und  später  mit  demselben  das  Muttershofer  Augustinerkloster
  vereinigt,  die  Kirche  aber  nach  Uebersetzung  des  wunderbarlichen  Gutes
in  dieselbe  1199  zur  Pfarrkirche  erhoben;  die  Kirche  von  S.  Ulrich,  welche  sammt
dem  Kloster  1183  ein  Raub  der  Flammen  geworden,  erstand  um  so  schöner  underhielt
  1187  in  Gegenwart  Friedrich  I.  und  vieler  beim  Reichstage  anwesenden
  Fürsten,  Bischöfe  und  Prälaten  die  feierliche  Weihe,  wobei  der  Kaiser
und  sein  Sohn  selbst  den  Sarg  mit  den  Gebeinen  des  hl.  Ulrich  in  die  neue
Grabstätte  trugen;  vor  der  Stadt  gegen  Westen  erhob  sich  1241  die  St.
Leonhardscapelle,  bald  darauf  erhielten  die  Dominicanerinnen  auf  dem  Gries
(einer  Vorstadt  gegen  den  Lech)  die  Erlaubniß,  in  die  Stadt  zu  ziehen  und
erbauten  bei  St.  Moriz  ein  neues  Kloster  und  eine  Kirche  zu  Ehren  der  hl.
Katharina;  1285  erfolgte  die  Gründung  des  Nonnenklosters  von  St.  Margareth,
  um  dieselbe  Zeit  auf  Kosten  des  Bürgers  Berthold  Bitschlin  der
Bau  einer  Allerheiligencapelle  bei  St.  Ulrich  und  durch  Ulrich  Langenmantel
und  seine  Ehefrau  die  Stiftung  des  Siechenhauses  von  St.  Servatius  auf
dem  Gries.  Man  sieht,  das  Gemeinwesen  entwickelte  sich  nicht  bloß  räumlich,
  sondern  erstarkte  auch  innerlich  durch  Opfergeist  und  edlen  Sinn.  Es