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damit in einem über kurz und lang unvermeidlichen Entscheidungskampfe
alle Kräfte uneingeschränkt zur Verfügung standen. Hierbei mußte der
größere und militärisch tüchtigere Staat die Führung übernehmen.
Empfindlichkeitsrücksichten durften keine Rolle spielen, wo es sich um
die Existenz beider Mächte handelte. War ein solches näheres Verhältnis
zu unseren Hauptverbündeten nicht zu erzielen, so war die Frage am
Platze, ob ein weiteres Bündnis mit Österreich-Ungarn auf jede Gefahr
hin noch weiter im Interesse Deutschlands lag. Sentimentale Erwägungen
durften hierbei nicht mitsprechen, denn jeder Staat ist schließlich nur zu
einer Politik verpflichtet, die für ihn selbst vorteilhaft ist. Ebenso wie
Bismarck sich in der bulgarischen Frage entschloß, die Beziehungen zu
Österreich-Ungarn zu lockern, um die Gefahr eines französisch-russischen
Zusammenschlusses zu bannen, ’ebenso hätte auch die deutsche Politik
zu jeder Stunde die Berechtigung nicht nur, sondern sogar die Verpflichtung
gehabt, zu prüfen, ob ein sehr nahes Verhältnis zu Österreich-Ungarn
den Interessen Deutschlands noch weiterhin dienlich sei. Wurde diese
Frage verneint, so durfte die Möglichkeit einer Anbahnung näherer Beziehungen
zu anderen europäischen Mächten, so z. B. zu Rußland oder
England, im Interesse der Erhaltung des Weltfriedens nicht von der Hand
gewiesen werden. Auf dem Gebiete der Politik gehören Gefühlswerte
in die zweite Linie. Wir dürfen mit Sicherheit annehmen, daß ein Staatsmann
von dem harten Wirklichkeitssinne Bismarcks sich niemals besonnen
haben würde, das österreichisch-ungarische Bündnis zu lockern,
wenn Deutschlands Interessen dies erforderten. In diesem Lichte gesehen
müssen wir auch Verständnis für die Versuche des Reichskanzlers v. Bethmann
Hollweg aufzubringen vermögen, der es unternahm, den aus einer
zu starren Verknüpfung Deutschlands mit der morschen Donaumonarchie
sich ergebenden Gefahren durch die Anbahnung besserer Beziehungen
zu England zu begegnen. —
Die belgischen Gesandtschaftsberichte vom Ende des Jahres 1886
zeigen, daß die vom Fürsten Bismarck so heiß erstrebte Annäherung
an Rußland in ihren damaligen Wirkungen auch nicht überschätzt werden
durfte. Die persönliche Haltung des Zaren und seine ausgesprochene
Abneigung gegen Alexander von Battenberg bildete dauernd ein Gefahrsmoment.
‚Die Reizbarkeit des Zaren und sein unversöhnter Groll sind
die Ursachen von Gefahren,‘‘ meint der Berliner Gesandte am 31. Dezember
1886). ‚Jeden Augenblick können sich daraus extreme EntschließBungen
ergeben, die fast notwendig zum Kriege führen müssen.“
Der Gesandte — es war der Graf van der Straten Ponthoz — glaubt bei
dieser Gelegenheit auch den Einfluß des Fürsten Bismarck auf die Erhaltung
des Friedens auf sein richtiges Maß zurückführen zu müssen.
„Deutschland hat sich an den Glauben gewöhnt,‘‘ meint er, „der Frieden
Europas sei durch den Aufstieg des Fürsten Bismarck und durch seine
1) Bd. V, S. 164 ff.
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