276
20. November.
Landgraf Cudwig der Heilige.
Indem wir die heutige Unterhaltung als eine Fortsetzung der
gestrigen betrachten, nehmen wir den Regierungsantritt Landgrafs
Ludwig's des Heiligen zum Gegenstande. Im Herbste des Jahres
1216 (der Monatstag ist unbestimmt) soll dieser Landgraf, welcher
der Gemahl der heiligen Elisabeth war, zu regieren angefangen haben.
Wenn den Ludewingern überhaupt hohe Ritterlichkeit und
treffliche Vorzüge des Körpers, wie des Geistes eigen gewesen sein
mögen, so war der „heilige“ Ludwig ein Muster aller Rittertugenden
und stand deshalb auch weit über Thüringen hinaus im größten
Ansehen. Dadurch daß er sechs Jahre lang zugleich Vormund des
jungen Markgrafen von Meißen (PHeinrich's des Erlauchten) war,
wurde sein Wirkungskreis ein sehr ausgebreiteter: der ewig thätige
Landgraf war bald in Hessen — das damals auch zu Thüringen
gehörte — bald in Meißen bis an die schlesische Grenze, bald auf der
Wartburg und im eigentlich thüringischen Gebiete. Hier züchtigte
er einen Raubritter und Widerspenstigen — dort hielt er einen Gerichtstag
oder eine Landesversammlung. Hier ließ er eine ungehorsame
Stadt in Brand stecken — dort eroberte er ein festes Schloß
(wie Tharant) — und dort baute er ein ganz neues Schloß (wie
Schauenforst bei Rudolstadt). Einmal war er in Schlesien, dann
in Mähren, dann wieder in Oberitalien, um seinen Thatendurst,
seine Kriegslust zu stillen. Auch nach Ungarn reiste er mit seiner
jungen Gemahlin, die, wie wir gestern hörten, eine Königstochter aus
Ungarn, aber schon in ihrem vierten Lebensjahre auf die Wartburg
gekommen war, und auch unter diesem stolzen Volkte erregte seine
ehrfurchtgebietende Persönlichkeit großes Aufsehen. Doch endlich zog
es ihn nach der Sitte der Zeit auch aus Europa hinaus, hinüber
ins heilige Morgenland. Dorthin reiste er am 24. Juni 1227, von
vielen Rittern und Geistlichen begleitet, gelangte aber nur bis Unteritalien:
dort in der Stadt Ortranto starb er 1227, und das Kloster
Reinhardsbrunnen erhielt nur seine Gebeine. Er war allerdings
ein gegen Mönche und Klöster höchst freigebiger, gegen Arme und
Nothleidende stets wohlwollender, überhaupt ein nach damaligem
Begriff frommer Mann; daß aber der Beiname des Frommen
und des Heiligen ihm in unserer Zeit schwerlich zu Theil werden
dürfte, erkennt Ihr schon aus dem Wenigen, was eben von ihm gesagt
wurde.