Full text : Tägliche Erinnerungen aus der sächsischen Geschichte.

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20.  November.
Landgraf  Cudwig  der  Heilige.

Indem  wir  die  heutige  Unterhaltung  als  eine  Fortsetzung  der
gestrigen  betrachten,  nehmen  wir  den  Regierungsantritt  Landgrafs
Ludwig's  des  Heiligen  zum  Gegenstande.  Im  Herbste  des  Jahres
  1216  (der  Monatstag  ist  unbestimmt)  soll  dieser  Landgraf,  welcher
der  Gemahl  der  heiligen  Elisabeth  war,  zu  regieren  angefangen  haben.
  Wenn  den  Ludewingern  überhaupt  hohe  Ritterlichkeit  und
treffliche  Vorzüge  des  Körpers,  wie  des  Geistes  eigen  gewesen  sein
mögen,  so  war  der  „heilige“  Ludwig  ein  Muster  aller  Rittertugenden
  und  stand  deshalb  auch  weit  über  Thüringen  hinaus  im  größten
Ansehen.  Dadurch  daß  er  sechs  Jahre  lang  zugleich  Vormund  des
jungen  Markgrafen  von  Meißen  (PHeinrich's  des  Erlauchten)  war,
wurde  sein  Wirkungskreis  ein  sehr  ausgebreiteter:  der  ewig  thätige
Landgraf  war  bald  in  Hessen  —  das  damals  auch  zu  Thüringen
gehörte  —  bald  in  Meißen  bis  an  die  schlesische  Grenze,  bald  auf  der
Wartburg  und  im  eigentlich  thüringischen  Gebiete.  Hier  züchtigte
er  einen  Raubritter  und  Widerspenstigen  —  dort  hielt  er  einen  Gerichtstag
  oder  eine  Landesversammlung.  Hier  ließ  er  eine  ungehorsame
  Stadt  in  Brand  stecken  —  dort  eroberte  er  ein  festes  Schloß
(wie  Tharant)  —  und  dort  baute  er  ein  ganz  neues  Schloß  (wie
Schauenforst  bei  Rudolstadt).  Einmal  war  er  in  Schlesien,  dann
in  Mähren,  dann  wieder  in  Oberitalien,  um  seinen  Thatendurst,
seine  Kriegslust  zu  stillen.  Auch  nach  Ungarn  reiste  er  mit  seiner
jungen  Gemahlin,  die,  wie  wir  gestern  hörten,  eine  Königstochter  aus
Ungarn,  aber  schon  in  ihrem  vierten  Lebensjahre  auf  die  Wartburg
gekommen  war,  und  auch  unter  diesem  stolzen  Volkte  erregte  seine
ehrfurchtgebietende  Persönlichkeit  großes  Aufsehen.  Doch  endlich  zog
es  ihn  nach  der  Sitte  der  Zeit  auch  aus  Europa  hinaus,  hinüber
ins  heilige  Morgenland.  Dorthin  reiste  er  am  24.  Juni  1227,  von
vielen  Rittern  und  Geistlichen  begleitet,  gelangte  aber  nur  bis  Unteritalien:
  dort  in  der  Stadt  Ortranto  starb  er  1227,  und  das  Kloster
Reinhardsbrunnen  erhielt  nur  seine  Gebeine.  Er  war  allerdings
ein  gegen  Mönche  und  Klöster  höchst  freigebiger,  gegen  Arme  und
Nothleidende  stets  wohlwollender,  überhaupt  ein  nach  damaligem
Begriff  frommer  Mann;  daß  aber  der  Beiname  des  Frommen
und  des  Heiligen  ihm  in  unserer  Zeit  schwerlich  zu  Theil  werden
dürfte,  erkennt  Ihr  schon  aus  dem  Wenigen,  was  eben  von  ihm  gesagt
  wurde.