Volltext : Rosenheimer Anzeiger. 61. Jahrngang (61)

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Er  sei  aber  überzeugt,  daß  es  einer  so  weiten  Beschneidung  der  Volksrechte
  nicht  bedürfen  werde,  als  es  in  dem  Entwurfe  geschehe.  Vor
den  Freiheitsphrasen,  welche  man  gegen  den  Enwurf  gebrauche,  warne
er;  hinter  diesen  Phrasen  stecke  nichts  als  Partikularismus.  Ihm  und
seinen  Freunden,  die  aus  den  neuen  Provinzen  hierhergekommen,  sei
der  Blick  nicht  getrübt  aus  der  Vergangenheit,  wie  manchem  der  Herren
aus  den  alten  Provinzen,  sie  fassen  eben  nur  die  Hauptsache  ins  Auge,
die  Einheit.“  Ahnlich  äußerte  sich  Braun:  „Der  Entwurf  möge  den
idealen  Anforderungen  nicht  genügen;  aber  dafür  sei  er  um  so  praktischer.
  Die  Mainlinie  rufe  bei  ihm  gar  kein  Bedenken  hervor.  Haben
wir  nicht  30  und  noch  mehr  Mainlinien  gehabt?  Ein  Südbund  sei
nicht  zu  fürchten.  Den  Agitatoren  in  Süddeutschland  sei  z.  B.  Württemberg
  noch  viel  zu  groß;  am  liebsten  zerschlügen  sie  den  Staat  in
einzelne  „Kantönli,“  um  sich  in  denselben  zu  Diktatoren  aufzuwerfen.
Es  herrsche  dort  in  staatlicher  Beziehung  eine  centrifugale  Kraft.
Man  brauche  übrigens  den  Süddeutschen  nicht  nachzulaufen;  sie  werden
schon  zur  Einsicht  gelangen  und  ganz  von  selbst  kommen."“  Tapferer
noch  klangen  die  Worte,  mit  denen  der  Freiherr  von  Vincke  unter  dem
Eindrucke  des  Wetterleuchtens  am  westlichen  Horizont  einem  sächsischen
Reichstagsmitgliede,  welches  Besorgnisse  in  Bezug  auf  die  Stellung  des
Auslandes  zum  deutschen  Einigungswerke  geäußert  hatie,  entgegnete:
„Man  hat  gesagt,  der  Verfassungsentwurf  mache  den  Eindruck,  als  ob
er  mit  der  Hand  am  Degen  geschrieben  wäre.  Das  Ausland  mag
wissen,  daß  wir  ihn,  wenn  er  zur  Verfassung  geworden,  auch  mit  der
Hand  am  Degen  zu  verteidigen  bereit  sind.  Der  allmächtige  Gott,
der  unsere  preußische  Fahne  auf  unseren  Schlachtfeldern  nicht  hat
sinken  lassen,  wird  auch  das  deutsche  Banner  hochhalten.  Wir,  meine
Herren,  wollen  es  mit  beiden  Händen  tragen  bis  zum  letzten  Atemzuge
  unseres  Lebens!“

In  einer  der  ersten  Sitzungen,  die  der  Generaldebatte  über  den
Verfassungsentwurf  gewidmet  waren,  am  11.  März,  nahm  Bismarck  das
Wort.  Er  entgegnete  den  „Unitariern“  auf  den  Vorwurf,  daß  er  die  Macht
Preußens  nicht  benutzt  habe,  um  von  den  Fürsten  der  Einzelstaaten
noch  größere  Opfer  zu  fordern  oder  zu  erzwingen,  die  Basis  zu  dem
neuen  Bundesverhältnis  solle  nicht  die  Gewalt  sein  —  weder  den
Fürsten  noch  dem  Volke  gegenüber  —,  sondern  das  Vertrauen  zu  der
Vertragstreue  Preußens,  und  dieses  Vertrauen  dürfe  nicht  erschüttert
werden,  so  lange  Preußen  von  seinen  Bundesgenossen  die  Treue  gehalten
  würde.  Den  Partikularisten  aber,  welche  darauf  hindeuteten,
daß  das  ganze  Einigungswerk  an  dem  Widerspruche  der  Landesver-