Full text : Die Deutsche Kriegsliteratur von Kriegsbeginn bis Ende 1915 (Quellensammlung)

Der  Militarismus.  135

*  auf  se  67  M.  für  den  Kopf  der  Bevölkerung  in  Frankreich  wie  in  England,  in
den  i#clland  dagegen  nur  auf  41  M.  In  Frankreich  —  wo  der  Mannschaftssold  4  Pf.  für
den  6  betrug  gegen  25  P.  in  Deutschland  —  beliefen  sich  die  Kriegsaufwendungen  in
in  etzten  sechs  Jahren  vor  1913  auf  etwas  über  30  v.  H.  der  gesamten  Staatseinnahmen,

eutschland  nur  auf  18  v.  H.  Das  ist  alles  Mathematik,  was  hier  über  die  kriegerischen
dasen  und  Aufwendungen  Deutschlands,  Frankreichs,  Englands  nachgewiesen  wird,  und
"  ese  Mathematik  erbringt  den  unwiderleglichen  Beweis,  daß  der  sogenannte  „Militarismus“
e  seiner  praktischen  Betätlgung,  das  heißt  nach  finanziellen  bzw.  persönlichen  Opfern,  in
Frankreich  und  England  vlel  mehr  zu  Hause  war  als  in  Deutschland!

Nicht  zu  militaristisch,  sondern  zu  wenig  militaristisch  war  angesichts  seiner
strategisch  so  ungünstigen,  ungeschützten  Lage  mitten  im  feindlichen  Europa  das
Deutsche  Reich.  Noch  klarer  als  auf  dem  Festland  tritt  das  in  der  Kolonialpolitik
Deutschlands  hervor.  Frankreich  hat  jahrzehntelang  vor  dem  Krieg  begonnen,
seine  Kolonien,  vor  allem  seine  afrikanischen,  zu  militarisieren.  Es  hat  Marokko
wegen  seiner  Soldaten,  nicht  wegen  seiner  Reichtümer  erworben.  England  hat
in  allen  seinen  Kolonien  eine  Eingebornenwehrmacht  herangezogen.  Deutschland
ist  weit,  weit  hinter  ihm  nachgehinkt  und  mußte  es  büßen.

Bezieht  man  den  Militarismus  auf  die  Mannszucht  im  Heere,  so  wäre  es
wiederum  Schwindel,  wenn  man  Deutschland  als  den  härtesten  Militärstaat  hinstellen
würde.  Die  Militärgesetze  Frankreichs  und  Englands  sind  viel  strenger  als  die
Deutschlands;  und  die  Disziplin  wird  dort  schärfer  gehandhabt  als  bei  uns.  Der
Kasernenhofton  ist  überall  der  gleiche;  die  Grobheit  eines  Schweizer  Unteroffiziers
ist  um  kein  Haar  geringer  als  die  eines  preußischen.  In  den  Bolschewistenheeren
Rußlands  herrscht  eiserne  Unterordnung;  Gehorsamsverweigerungen  werden
mit  dem  Tode  bestraft.  Das  alte  zaristische  Exerzierreglement  wird  mit  unbedeutenden
  Abweichungen  angewandt;  in  allen  Militärschulen  ist  der  Grußzwang  eingeführt;
  DTrotzki  nimmt  Inspektionen  und  Paraden  ab  wie  die  Generale  des  Jaren;
nur  redet  er  mehr.  Sogar  die  Räterepublik  in  München  erkannte  sofort  die  unerbittliche
  Notwendigkeit  der  militärischen  Ordnung  und  forderte  von  ihrer  Roten
Armee  als  Bedingung  unbedingten  Gehorsam  und  ftrengste  Oisziplin.

Was  für  eine  herrliche  Schöpfung  war  unser  Heer,  als  beides  noch  in  ihm
herrschte!  Die  ganze  Welt  blickte  mit  unverhohlener  Hochachtung  und  Furcht
auf  die  deutsche  Armee.  Und  was  ist  daraus  geworden,  als  das  „reife“  Volk  der
Soldaten  selbst  über  sich  entschied!  Jusammengelaufene  Rotten  von  polnischen,
belgischen,  rumänischen,  ungarischen,  russischen,  ukrainischen  Gassenbuben  konnten
ganzen  Regimentern  vorschreiben,  wie  sie  sich  zu  verhalten  hätten,  sobald  der  Offizier
durch  den  „Soldatenrat“  ersetzt  war.  In  demselben  Augenblick,  wo  der  deutsche
Soldat  nicht  mehr  „Untergebener“,  sondern  freier  Herr  war  unter  selbsigewählten
Räten,  wurde  er  zum  mißachtetsten  Geschöpf,  das  in  Europa  herumlief.  Man  hat
in  verschiedenen  Landesversammlungen  behauptet,  manche  Soldatenräte  hätten
„auch“  Gutes  gewirkt;  aber  sobald  die  Namen  von  Orten  genannt  wurden,  wo
das  gewesen  sein  soll,  erfolgten  alsbald  (Brüssel,  Antwerpen,  Warschau  usw.)  Aufklärungen
  über  die  Tätigkeit  der  Soldatenräte,  die  genau  das  Gegenteil  alles  Lobenswerten
  ergaben.

Und  —  wie  billig  war  unser  Heer!  Mit  der  Hetze  gegen  den  Militarismus
kam  man  am  leichtesten  bei  den  großen  Massen  an,  wenn  man  ihnen  vorrechnete,