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Die Franzosen hatten sich, durch die Geschichte der lehten Jahrhunderte verführt, in eine Selbstüberschützung
hineingearbeitet, die zur thörichten Eitelkeit ausartete; sie ubersahen, daß ein gutes Teil der französischen Größe
nichts als die Schwäche Deutschlands gewesen war. Daher reizten die gleichsam ohne Erlaubnis erfochtenen
preußischen Siege ihre Empfindlichkeit; der Sieg bei Königgrätz oder Sadowa, wie man ihn in Frankreich nannte,
wurde geradezu wie eine frangösische Niederlage angesehen, für die „Revanche“ gefordert werden müsse. Napoleon
hatte sich gründlich verrechnet, wenn er erwartete, Preußen werde sterreich unterliegen und dann geubtigt sein,
Frankreichs Gunst durch eine Abtretung an der Westgrenze zu erkaufen. Irgend einen Landvorteil zu erreichen,
um seine Jranzosen zu befriedigen, blieb des Kaisers Begehren, zugleich wollte er, damit nicht die Aufregung
weiter stieg, die Vollendung der deutschen Einheit hindern. Dennoch wünschte er einen Krieg möglichst zu vermeiden.
Er ergriff also eine Politik, welche die nationale Gesinnung in Deutschland nur fördern konnte, und gleich
ihre erste Folge war gewesen, daß die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg und Baden dem Friedensschlusse
mit Preußen ein geheimes Trutz= und Schutzbündnis hinzufügten und versprachen, im Falle eines Krieges ihre
Truppen unter preußischen Oberbefehl zu stellen.
Da die öffentliche Meinung Frankreichs, von der Pariser Presse geschürt, nicht zur Ruhe kam, verfiel
Napoleon auf den Plan, Luxemburg zu erwerben. Das Land, dessen Großherzog der König der Niederlande
Wilhelm war, gehörte bisher zum Deutschen Bunde, und in der Hauptstadt als Bundesfestung lag preußische
Besatzung. In den Norddeutschen Bund war jedoch Luxemburg nicht eingeschlossen worden. Gleichwohl brauste in
Deutschland, als die Sache ruchbar wurde, lebhafter Unwille auf; aus dem Handel wurde nichts, nur daß Preußen
1867 die Räumung und Schleifung der uneinnehmbaren Festung und die Neutralisierung des Landes zugestand.
Eine sehr geringe Genugthuung für Napoleon, der sich nur eine neue Niederlage geholt hatte und daher erst recht
bedacht war, sie wett zu machen.
Der Kaiser mußte sich überzeugen, daß für ihn von Preußen nichts zu erwarten sei. Versuche, Ssterreich und
Italien zu festen Abmachungen für den Kriegsfall zu gewinnen, brachten nicht das gewünschte Ergebnis. Dazu
quälte den alternden Mann schwere Krankheit, die ihn mit heftigen Anfällen packte und seine frühere Entschlossenheit
lähmte. Üüberall sah Napoleon Schwierigkeiten und Gefahren und geriet darüber in innern Zwiespalt. Das
Gespenst seines großen Oheims trieb ihn an, den Vorwurf, er habe Frankreichs Ansehen heruntergebracht, durch
einen blendenden Erfolg zu widerlegen, während er im Herzen Ruhe wünschte. Der Kaiser versuchte es daher
mit inneren Reformen; er berief ein liberales Ministerium unter Ollivier, und der günstige Ausfall des Plebiscits,
der allgemeinen Volksabstimmung vom 8. Mai 1870, welche die Verfassungsänderung bekräftigte, gab ihm einige
Beruhigung. Allein die demokratische Linke und die imperialistische Rechte bekämpften beide aus entgegengesetzten
Gründen die Regierung, und nach wie vor blieb der Kaiser unter dem Drucke des Bewußtseins, daß sein verblaßter
Ruhm eine Auffrischung erfordere und in keinem Falle noch mehr getrübt werden dürfe.
Die preußische Staatsleitung verfolgte den Gang der Dinge mit gespannter Aufmerksamkeit und unveränderlicher
Ruhe. Daß Napoleon über kurz oder lang Streit suchen würde, wußte jeder Kenner Frankreichs. Die
Lage war sehr ähnlich, wie einst vor dem Ausbruche des Siebenjährigen Krieges. Der norddeutsche Bundeskanzler
wünschte den Frieden, doch nicht so, daß er den Kampf um jeden Preis zu vermeiden gesonnen war. Eine augenblickliche
Kriegsgefahr lag nicht vor, doch der Friedensstand hing an einem dünnen Faden, den jede Störung
zerreißen konnte.