Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

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hört.  Und  Großmutter,  die  dann  mit  ihrem  Spinnrade  dabeisaß,  hat
oft  mit  dem  Kopf  genickt  und  ab  und  an  ein  Wort  dazwischengeworfen
  und  sich  gefreut,  daß  die  schreckliche  Zeit  vorüber  war.  Ja,
das  waren  die  schönsten  Stunden,  die  ich  als  Kind  erlebt  habe,  die
Stunden,  in  denen  der  Vater  aus  alten  Zeiten,  und  wie  es  draußen
in  der  Welt  aussah,  erzählte.  Sonst  bin  ich  auch  nur  einsam  aufgewachsen,
  und  ihr  wißt  ja  schon,  daß  das  Haus  der  Großeltern
weitab  von  allen  Menschen  mitten  in  einer  einsamen  Heide  lag.
Und  quer  durch  die  Heide  schlängelte  sich  ein  breiter  sandiger  Weg
mit  tief  ausgefahrenen  Wagenspuren.  An  dem  Wege  hat  unser
Haus  gelegen,  und  dicht  vor  der  Haustür  hat  eine  dicke  weiße
Birke  gestanden,  die  das  ganze  Dach  überragte  und  im  Sommer
den  Weg  beschattete.  Und  selten  kam  ich  von  Hause  fort.  Ich  war
ganz  allein  und  hatte  keine  Spielgefährten.  Nur  in  der  Schule  bekam
  ich  fremde  Kinder  zu  sehen.  Und  der  Schulweg  war  lang  und
einsam,  zwei  Stunden  brauchte  ich  und  mußte  ihn  zum  größten
Teil  allein  machen.  Nur  im  Winter,  wenn  der  Schnee  zu  hoch  lag
oder  der  scharfe  Ostwind  zu  eisig  über  die  kahle  Heide  blies,  brachte
der  Vater  mich  im  Wagen  oder  Schlitten  hin.

Aber  so  einsam  es  auch  bei  uns  zu  Hause  war,  langweilig
war  es  nie.  Unter  der  Birke  saß  ich  und  spielte  auf  der  Handharmonika
  oder  schnitzte  mir  einen  Vogelbauer  oder  schälte  Kartoffeln
  für  die  Mutter.  In  die  Heide  lief  ich,  um  Vögel  zu  fangen,
die  Schafe  zu  hüten,  dem  Vater  Essen  hinauszubringen,  um  Holz
oder  Torf  zu  holen.

Aber  das  wurde  alles  anders,  als  ich  in  die  Stadt  sollte,  um
ein  Geschäft  zu  lernen.

Es  war  ein  trüber,  nebliger  Herbstmorgen,  als  euer  Großvater
  den  Ackerwagen  aus  unserer  Scheune  zog  und  zwei  dicke
Strohsäcke  und  meinen  schweren  Holzkoffer  mit  dem  starken  Vorhängeschloß
  daraufpackte.  Einen  dicken  Wollschal  um  den  Hals
gebunden,  war  ich  aufgestiegen,  und  die  Mutter  stand  in  der  Haustür
  und  wischte  sich  mit  der  Schürze  die  Augen  und  winkte  mit  der
Hand  und  rief  einmal  über  das  andere:  „Adieul  Adien,  Johannes!
Bleib  brav  und  gut!“  —  Und  ich  saß  gedrückt  und  traurig  auf  dem
Strohsack  und  hatte  gar  keine  Freude  an  der  Reise.

Endlich  war  alles  fertig,  auch  der  Vater  stieg  auf.  „Adien,
Johannes!"  rief  die  Mutter  mir  nach.  Schwer  lag  der  Nebel  über
der  weiten  Heide,  und  die  Birke,  meine  liebe  Birke,  unter  der  ich
so  manches  Mal  gespielt  hatte,  bewegte  ihre  Zweige  und  schüttete
eine  Flut  kleiner  trockener  gelber  Blätter  über  mich.  Ja,  es  war  die
Zeit  des  Blätterfalls,  und  der  Vater  rief:  „Hühl“  Und  der  Gaul,