Contents : Bavaria. Landes und Volkskunde des Königreiches Bayern.

Volkskrankheiten  u.  Volksmedizin.  897

Krätze  durch  Milben  erzeugt  wird,  würde  von  dem  Landmanne  mit  Hohn
aufgenommen  werden,  obgleich  derselbe  ganz  fest  überzeugt  ist,  daß  im  Panaritium
  ein  leibhaftiger,  körperlicher  Wurm  haust,  dessen  Nagen  den  unleidlichen
  Schmerz  verursacht,  der  nur  durch  die  Tödtung  des  Wurmes  beseitiget
  zu  werden  vermag)

Die  wichtigste  Rolle  unter  den  „Unreinigkeiten“  im  Leibe  und  im  Geblüte
  spielt  die  Galle,  wenn  sie  sich  „in  die  Glieder  ergießt“,  was  bei  „Hitzen“
(Fieber),  Appetitmangel  und  Gliederreißen  für  den  Patienten  und  seinen
weisen  Familienrath  schon  längst  eine  ganz  und  gar  ausgemachte  Sache  ist,
wenn  der  Doktor  noch  tagelang  bedenklichen  Zweifel  hegt,  ob  der  Kranke
nur  an  einem  fieberhaften  Magenkatarrh  laborire  oder  ob  wohl  gar  der  Typhus
  anklopfe.  Wie  gegen  „Unreinigkeiten,  Ungesünde“  Überhaupt,  so  auch
insbesondere  gegen  die  „verschossene“  Galle  sind  Abführmittel  das  Alpha  und
Omega  der  Volksmedizin.  Sie  stiften  wahrlich  schrecklichen  Schaden  und
leider  nicht  selten  sind  die  Fälle,  in  welchen  von  Pfuschern  gegebene  heftige
Drastika  oder  dergleichen  auf  eigene  Faust  in  Apotheken  geholt,  die  Schuld
des  Todes  tragen.  Es  wird  aber  von  dem  Volke,  dem  versteckten  Anhänger
der  „Unraths“-Theorie  weder  in  akuten  Fällen,  noch  dann,  wenn  durch
langes  Siechthum  ganz  heruntergekommene  Leute  durch  Mißbrauch  von  Abführmitteln
  ganz  offenbar  ihr  seliges  Ende  beschleuniget  haben  —  diesen
Mitteln  die  Schuld  beigemessen.  Man  bedauert  vielmehr  nur,  daß  entweder
zu  spät  oder  zu  wenig  abgeführt  wurde.  So  spricht  Dr.  Sangrado  im
Bauernhut  und  er  spricht  nur  consequente  Therapie  nach  seinen  pathologischen
  Prämissen.  Denn  nach  dem  orthodoxen  Volksglauben  vom  längst  angesammelten
  Unrath  kann  überhaupt  gar  nicht  zuviel  purgirt  werden;  was  abgeht
  ist  nur  Unrath,  der  schon  lange  angesammelt  war.  Hörte  man  ja  doch
zur  Zeit  der  Cholera  die  weise  Ansicht  äußern:  dieses  schreckliche  Erbrechen
und  Abführen  sei  eigentlich  ganz  gesund,  nur  halte  es  leider  nicht  Jeder
aus!  Es  mangelt  dem  Volke  jede  Vorstellung  von  Absonderung  und  von
Vermehrung  einer  solchen  durch  krankhafte  oder  künstliche  Reize.  Auch  bei
Abscessen,  langwierigen  heftigen  Eiterungen  ist  die  Ansicht  herrschend,  das
was  entfließt,  die  „Materie“,  sei  nur  Unrath  („Ungesünde“,  Ungesundheit),
der  sich  aus  dem  ganzen  Leibe  auf  den  kranken  Fleck  hingezogen  habe.  Darum
auch  bei  allen  „offenen  Schäden“  die  entschiedene  Vorliebe  für  scharfe  Pflaster,
  besonders  das  „Dörrband“  (Emplastrum  oxycroceum  =  Oxikruzi)
und  reizende  Salben,  denn:  „die  ziehen  den  Unrath  heraus“.  Auch  bei  inneren
  Erkrankungen  ist  nichts  beliebter  als  Einreibungen  auf  die  Haut  der
leidenden  Körpergegend;  gar  aber  wenn  jemand  an  einem  „Fluß“  (Rheuma)
leidet;  die  abenteuerlichsten  „Oele“,  z.  B.  Igelöl,  Scorpionöl,  dann  „Armenfünderfett“
  werden  in  der  Apotheke  verlangt;  die  höchste  Potenz  der
Wirksamkeit  aber  besitzt  das  Hundsschmalz!  6
Die  äußerliche  Anwendung  des  Wassers  hingegen  ist  (wie  die  innerliche)

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Bavaria  U.