Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

180  Drittes  Buch.  An  der  Wende  der  Zeiten.

Menschheit  unter  einem  Hirten  und  in  einem  Glauben  sich  zu—
sammenfinden  zu  sehen,  so  daß  die  „Restauration  der  Ge—
sinnung  in  politischer  Hinsicht“  vollendet  sein  sollte  durch  eine
solche  auch  in  religiöser,  den  Triumph  der  katholischen  Kirche
über  den  Protestantismus.  Auch  sonst  waren  die  Vorkämpfer
des  Absolutismus  und  des  Junkertums  oft  zugleich  solche  des
Ultramontanismus.  Selbst  der  Hallenser  Historiker  Heinrich  Leo
(geb.  1799,  gest.  1878),  der  in  seinen  Schriften  für  das  gute
Recht  des  Protestantiomus  eintrat,  verleugnete  doch  nicht  die
tiefinnerliche  Verwandtschaft  beider.  Indem  er  das  Recht  der
Neaktion  zu  Gunsten  des  Gottesgnadenkönigtums  geschichtlich
und  theoretisch  zu  erweisen  suchte,  kam  er  für  die  politischen
Probleme  der  Gegenwart  im  wesentlichen  zu  den  gleichen  Ergebnissen
  wie  der  Konvertit  Jarcke.

Wie  völlig  hatte  das  offizielle  Preußentum  sich  gewandelt,
als  dessen  philosophischer  Repräsentant  und  Panegyriker  einst
Hegel  (gest.  1831)  von  den  einen  gefeiert,  von  den  anderen  verketzert
  worden  war!  So  erstanden  denn  auch  gerade  aus  seinen
jüngeren  Schülern  diesem  neuen  preußischen  System  besonders
eifrige  Gegner.  Namentlich  die  „Hallischen  Jahrbücher“,  die
Arnold  Ruge  (geb.  1802,  gest.  1880)  seit  1838  herausgab,
übten,  ausgehend  von  dem  Hegelschen  Prinzip  der  Entwickelung,
eine  scharfe  Kritik  an  den  Zuständen  in  Staat  und  Kirche  als
unvereinbar  mit  den  natürlichen  Bedingungen  menschlichen  Daseins
  und  Wirkens.  In  anderer  Weise  thaten  das  Gleiche
die  als  das  junge  Deutschland  bezeichneten  Schriftsteller,  die
namentlich  gegen  die  Romantik  ankämpften,  Karl  Gutzkow
(1811—78),  Theodor  Mundt  (1808—61),  Georg  Kühne
(1806—88)  und  Heinrich  Laube  (1806—1884),  die  ersten
Vertreter  des  modernen  Litteratentums,  von  denen  namentlich
  Gutzkow  bereits  in  den  dreißiger  Jahren  eine  bedeutende
Wirksamkeit  entfaltete,  vielfach  in  Konflikt  mit  der  Zensur
und  wegen  Verhöhnung  des  Christentums  mit  Gefängnis  bestraft,
  aber  wegen  des  ihm  eigenen  starken  preußischen  Zuges
doch  auch  gelegentlich  in  den  herrschenden  Kreisen  anerkannt.
Der  Bundestag  freilich  verbot  infolge  einer  Denunziation  des
Gutzkow  einst  befreundeten  Wolfgang  Menzel  (1798—1873)