II. Die Zeit des Schwankens und die Rückkehr zum Reich. 181
treten würde: es gelte ja nur die Ruhe des Reichs zu sichern,
falls der Kaiser sie durch Parteinahme für die Niederlaude und
Spanien gefährde; denn indem man den Kaiser nötige, seine
Truppen in die Erblande zurückzunehmen, sobald die Frank—
reichs den deutschen Boden verließen, sichere man den Westfälischen
Frieden; komme es aber zum Kriege, so solle der Kur—
fürst wählen, ob er allein die österreichischen Erblande an—
greifen oder mit den Franzosen am Rhein fechten wolle. Diesen
Anträgen energische Vertretung und gute Aufnahme zu sichern,
sollte Verjus nicht bloß Schwerin, Meinders und von Jena eine
„Gratifikation“ zusagen, sondern auch der Kurfürstin sein Wort
geben, daß sie das so lange versprochene Geschenk erhalten und
daß es des königlichen Gebers würdig sein werde.
Sich im Bunde mit Frankreich auf Kosten Spaniens durch
Geldern zu bereichern, hatte Friedrich Wilhelm kein Bedenken
getragen: auf diese Anträge konnte er um so weniger eingehen,
als die Lage sich für Frankreich ungünstiger gestaltete. Im
März 1674 schloß England mit den Niederlanden Frieden.
Im April folgte Münster, im Mai Kurköln diesem Beispiel.
Auch hatten die letzten Ereignisse nach Verjus' Zeugnis in
Deutschland einen Franzosenhaß erzengt, mit dem auch die
zu Frankreich neigenden Reichsfürsten notgedrungen rechnen
mußten. Die Presse hallte wider von Auobrüchen des Abscheus
gegen Frankreich: hatte man in ihm einst den Hort der deutschen
Freiheit gesehen, so wurde es jetzt in den schwärzesten Farben
als deren Feind dargestellt. Mit Bedauern konstatiert Verius,
welcher Wandel gegen die Zeiten Nicheliens eingetreten sei: der
Gegensatz zwischen Dentschland und Frankreich galt jetzt vielen
als Naturnotwendigkeit. Selbst Schwerin gab zu, daß die
herrschende nationale Erregung dem Kurfürsten die Verbindung
mit Frankreich zur Zeit unmöglich mache. Um so mehr wünschte
Ludwig XIV. ihn wenigstens neutral zu sehen, und wollte ihm
dafür dasselbe, ja mehr gewähren, als für die Waffenhilfe
gegen Spanien und den Kaiser, außer Subsidien bis zur Höhe
von 150 000 Thalern auf drei Jahre die Rückgabe von Wesel
und Rees; er wollte nur einen der Rheinübergänge behalten,
ja die Vermittelung Brandenburgs und Schwedens annehmen,