Full text : Spittler’s sämmtliche Werke. Fünfter Band. (5)

341

auf  seine  Freiersreise  zu  kleiden.  Es  war  der  ehrenvolleste
Antrag,  der  dem  Prinzen  hätte  geschehen  können,  daß  man
ihm  die  Reichshauptmannstelle  gegen  die  Türken  in  Ungarn
übertragen  wollte,  der  Vater  versagte  auch  hiezu.  seine  Einwilligung,
  und  sobald  die  Vermählung  mit  der  Anspachischen
Prinzessin  in  dürftiger  Stille  vollzogen  war,  an  eine  solenne
Hochzeit  durfte  Christoph  gar  nicht  denken,  so  schickte  ihn
der  Vater  nach  Mômpelgard.  Wenn  auch  nicht  die  große
Trübsal  des  Ferdinandeischen  Prozesses  eingebrochen  wäre  und
der  Vater  seiner  damals  nöthig  gehabt  hätte,  so  würde  er
ihn  schwerlich  wieder  nach  Teutschland  gerufen  haben.
Unter  allen  diesen  häuslichen  Leiden,  die  für  einen  Mann
von  Empfindung,  wie  Chrisioph  war,  die  schmerzhaftesten
seyn  mußten,  blieb  der  edle  Prinz  immer  sich  selbst  so  vollkommen
  gleich,  daß  ihm  nie  eine  harte  Klage  gegen  seinen
Vater  entfiel,  daß  er  selbst  in  dem  Zeitpunkt,  da  der  Vater,
durch  den  Ferdinandeischen  Prozeß  gedrungen,  die  Abtretung
  des  ganzen  Regiments  ihm  anbot  *),  eine  so  unschuldvolle
  Kaltblütigkeit  gegen  das  reigendste  Anerbieten  behielt,
die  nur  für  einen  Mann  von  böllig  geprüftem  Charakter
möglich  war.  In  seinem  ganzen  Betragen  herrschte  eine
Ruhe,  die  seiner  Thätigkeit  nie  schädlich  wurde,  und  doch
selbst  auch  in  Fällen,  wo  sonst  Eilfertigkeit  dem  damaligen
Zeitalter  gleichsam  eigen  war,  mit  der  reifesten  Bedachtheit
handeln  machte.  Einem  Manne  von  solchen  Fähigkeiten  und
Einsichten,  als  Christoph  war,  darf  man  wohl  zutrauen,
daß  er  die  Verdorbenheit  der  Rdmisch-katholischen  Kirche,  das
Ungereimte  mancher  ihrer  damaligen  Lehren  und  das  politischschädliche
  ihrer  hierarchischen  Einrichtungen  früh  eingese-–

  —

*)  Sattler  Gesch.  der  Herz.  III.  Th.  S.  269.