312 Fünfter Teil: Berufswahl und Lehrstellenvermittelung.
der Konfirmation möglichst schnell einem Berufe zuzuführen, der
eine regelmäßige Beschäftigung und guten Verdienst gewähre. Die
Frage, ob der junge Mann infolge seiner körperlichen Beschaffenheit
für den erwählten Beruf gceignet sei, trete dabei viel zu sehr in
den Hintergrund. Infolgedessen finde man z. B. in Porzellanfabriken
viele schwächliche und kränkliche junge Leute, die die beste Aussicht
hätten, später der Tuberkulose zum Opfer zu fallen. Es werde daher
weiter zu erwägen sein, für welche Berufsarten die Zulassung junger
Leute von der Beibringung eines ärztlichen Zeugnisses abhängig zu
machen sei.
Eingehendere Beobachtungen in dieser Beziehung dürften wohl
in zahlreichen Fällen für mancherlei Krankheitserscheinungen, für
Leiden und frühes Siechtum der Jugendlichen als letzten Grund
verfehlte Berufswahl feststellen.
Daß der Arbeiter, Handwerker usw., der seinem Berufe, sei es
ßeistig, sei es körperlich, nicht gewachsen ist, auch in wirtschaftlicher Beziehung
Schaden leiden muß, braucht wohl kaum bewiesen zu werden.
Ebenso ist es selbstverständlich, daß Berufe, die infolge eines ungeregelten
Zustromes jugendlichen Nachwuchses überfüllt werden, in
ihren Löhnen herabgehen müssen. Das Herabsinken der Löhne infolge
eines Überangebots von Arbeitskräften ist eine so oft beobachtete
Erscheinung, daß hier auf näheres Beweismaterial verzichtet
werden kann.
Die Benachteiligung des Einzelnen durch eine fehlerhafte Berufswahl
schließt aber schon an sich eine Schädigung des Volksganzen
ein. Die ungünstigen Folgeerscheinungen ergeben sich außerdem noch
aus anderen Zusammenhängen. Eine Verteilung des Bevölkerungsnachwuchses,
die nach Quantität und Qualität unzweckmäßig ist, bedeutet
auch ein Minus an Leistungsfähigkeit für die Volkswirtschaft
überhaupt. Die Hemmung der persönlichen Entwickelung der Individuen,
das Hineindrängen in eine falsche Geistesrichtung, die Beeinträchtigung
der moralischen Kräfte sind der allgemeinen kulturellen
Entfaltung eines Volkes sicher nicht förderlich.
Damit sind die Schäden, die sich aus dem Systeme der freien
Berufswahl ergeben können, bezw. ergeben haben, nur angedeutet.
Es soll aber auf zwei Punkte noch etwas näher eingegangen werden.
Eine natürliche Folgeerscheinung einer ungeregelten Berufszuweisung
ist der Lehrlingsmangel auf der einen und der Lehrlingsüberfluß
im Zusammenhange mit der Lehrlingszüchterei auf der
anderen Seite. Diese Tatsache beeinflußt sowohl die wirtschaftlichen
Verhältnisse der von einer der beiden Erscheinungen betroffenen
Ingendlichen, als auch insbesondere die Ausbildungsverhältnisse der
Lehrlinge. Es kann ferner keinem Zweifel unterliegen, daß. Wje
größer die Zahl der Lehrlinge in einem Betrieb ist, um so weniger
die Möglichkeit besteht, daß dem einzelnen eine intensivere Auf.
merksamkeit zugewandt wird. Wo in einem industriellen Betrieb
ein Meister speziell mit der Lehrlingsausbildung betraut wird, liegen
die Verhältnisse natürlich anders; denn hier ist eben alles auf das
Lernen zugeschnitten. Wo dagegen, wie vor allem in manchen kauf-