Vier Briefe über Bismarcks socialpolit. u. volkswirtschaftl. Bedeutung. 59
vielen Generationen besaßen, und dabei sollte vom bestehenden territorialen
Staats- und Verwaltungsrecht, von den berechtigten und unberechtigten
Eigentümlichkeiten der kleinen und kleinsten Staaten so viel als möglich
geschont und erhalten werden. Und doch gelang der Staatskunst Bismarcks
und seiner Gehilfen der Neubau des Reichs: Deutschland wurde
in Wirklichkeit ein einheitlicher freier Markt, es erhielt ein einheitliches
Maß-, Gewichts- und Geldwesen, eine centrale Reichs-Notenbank und
ein einheitliches Bankrecht, eine fast einheitliche Reichspost, ein musterhaftes
Telegraphen= und Telephonwesen, verstaatlichte Eisenbahnen und
verbesserte Wasserstraßen, eine einheitliche rechtliche Ordnung des Gewerbebetriebs,
der Presse, des Patentwesens, des Seeschiffahrtsgewerbes,
eine einheitliche Justizverfassung und ein einheitliches bürgerliches Recht;
die nationale Handelspolitik, die Ordnung des Konsularwesens, der Erwerb
von Kolonien, die Subvention großer Dampferlinien, der Erwerb
einer tüchtigen Kriegsmarine, die rasche Förderung einer stetig wachsenden
Handelsflotte vollendeten nach außen, was für die wirtschastliche Entwickelung
nach innen geschehen war.
Gewiß hat man bei der unendlichen Schwierigkeit der Probleme
dabei nicht überall rasch und sofort das Richtige getroffen; noch weniger
konnten alle Parteien und Klassen mit ihren Sonderinteressen und
Sonderwünschen, mit ihren Idealen befriedigt werden. Aber das Wesentlichste
ist geschehen und ist geglückt. Und das Wesentlichste ist der feste,
gesicherte, nationale Staat mit geordneter zeitgemäßer Verfassung nach
innen, mit Ansehen und Macht nach außen. Er ist die erste Lebensbedingung
für eine gesunde wirtschaftliche und sociale Entwickelung.
Und eben deshalb könnten oder sollten alle Parteien und Klassen zufrieden
sein, die Liberalen mit dem, was für wirtschaftliche Freiheit und
Einheit, für Industrie und Handel, die Konservativen mit dem, was
für die Macht und Stärkung der Krone, der Armee, der Regierung,
für Landwirtschaft und Rittergutsbesitzer, die Arbeiter und die Socialreformer
mit dem, was zur Hebung der unteren Klassen und des Mittelstandes
geschehen ist, alle damit, daß keiner Partei und keiner Klasse
die freie Bethätigung ihrer Interessen, der gesetzliche Kampf für ihre
Ideale verfagt ist.
Einzelne wersen Bismarck vor, er habe die elementaren und
egoistischen Kräfte der Gesellschaft entfeffelt, er sei der Arbeiterbewegung,
die er durch das allgemeine Stimmrecht gefördert, dann nicht Herr
geworden, er habe die begehrlichen Wünsche der Agrarier und der Großindustrie,
der Zünftler und der Bauern nach Staatshilfe großgezogen.
Darauf ist zu antworten, daß diese Bewegungen mit oder ohne ihn