Full text : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1865. (56)

Der  Herzog  hatte  vollkommen  Recht,  obschon  er  bei  etwas  größerer  Kühnheit
  in  Betreff  auf  seine  Verantwortung  zur  rechten  Zeit  vorgegangen  wäre.
So  aber  war  er  wirklich,  wie  er  sich  später  gegen  Lord  Malmesbury  äußerte,
die  Gliederpuppe  der  verschiedenen  im  Kabinette  zu  Berlin  mitwirkenden  Personen
  gewesen,  und  Bischofswerder,  so  wie  Lucchefini,  nebst  dem  durch  und
durch  französisch  gefinnten  Prinzen  Heinrich,  hätten  diese  Stellung  veranlaßt,
Jeder  wohl  aus  verschiedenen  Gründen.  Dessenungeachtet  traf  ihn  die  Nachricht,
daß  der  Feldmarschall  von  Möllendorf  das  Kommando  übernehmen  sollte,  höchst
schmerzlich,  und  er  empfing  die  Botschaft  mit  den  Worten:  „So  muß  ich  endigen,
  das  hat  man  für  seine  Mühe  und  Arbeit!“  —

Der  neue  Oberfeldherr  war  schon  67  Jahr  alt,  aber  rüstig  und  ein  einsichtsvoller
  General,  vielleicht  jedoch  noch  weniger  als  der  Herzog  zu  dieser
Stellung  geeignet,  weil  er,  von  den  politischen  Grundsätzen  Friedrichs  durchdrungen,
  gegen  jeden  Krieg  in  Gemeinschaft  mit  den  Oestreichern  gestimmt  war.

Der  König  selbst  war  von  seinen  ritterlichen  Ideen  eines  Kampfes  für
die  Sache  Ludwigs  und  seiner  Familie  zurückgekommen,  namentlich  als  er  sah,
daß  er  dabei  leicht  der  Betrogene  sein  dürfte.  Als  daher  in  den  letzten  Tagen
des  Jahres  1793  von  London  aus  Harris  (später  Lord  Malmesbury)  zur  Erfüllung
  der  im  Jahre  1788  eingegangenen  Verpflichtungen  aufforderte,  erklärte
er  ganz  offen:  „Seine  Zuneigung  gegen  England  und  sein  Abscheu  gegen  die
Grundsätze  der  in  Frankreich  herrschenden  Faktion  sei  unverändert,  allein  er
versichere  auf  sein  Ehrenwort,  daß  er  nicht  die  Mittel  für  einen  dritten  Feldzug
besitze.  Der  verstorbene  König  habe  die  Hülfsquellen  auf  den  höchsten  Grad
gespannt;  er  könne  keine  neuen  Auflagen  seinen  Unterthanen  zumuthen,  und  ein
Versuch  der  Art  würde  die  schlimmsten  Folgen  herbeiführen,  ohne  etwas  auszurichten.
  Das  Wesen  der  preußischen  Monarchie  sei  von  der  Art,  daß  eine
Anlelhe  nicht  gemacht  werden  könne.  Wenn  die  Bundesgenossen  ihm  nicht
Unterstützung  gewährten  und  seiner  Geldverlegenheit  Abhülfe  schafften,  könne  er
nur  einen  Theil  seiner  Armee  am  Rhein  lassen.  Er  trage  kein  Bedenken,  diesen
Stand  seiner  Finanzen  offen  mitzutheilen,  denn  er  habe  seinen  Schatz  nicht  in
eitlen  und  nutzlosen  Unternehmungen  verschwendet;  und  wenn  auch  zuweilen  nicht
die  größte  Sparsamkeit  beobachtet  worden  wäre,  so  sei  doch  Alles  auf  Vertheidigungsmaßregeln
  verwendet  worden,  welche  sowohl  die  allgemeinen  Interessen
Europa's,  als  die  Preußen  besonders  angehenden,  beträfen.  Es  könne  nicht  im
Interesse  Englands  liegen,  und  auch  nur  diese  Gewißheit,  verbunden  mit  dem
hohen  Begriff  von  dem  englischen  Nationalcharakter,  habe  ihn  der  Besorgniß
vor  den  mißlichen  Folgerungen  aus  der  abgebenen  Erklärung  enthoben.“

Aehnliche  Mittheilungen  hatte  der  Marquis  Lucchefini  in  Wien  zu  machen.
Schon  die  Wahl  des  Oestreich  feindseligen  Ministers  zeugt  von  der  Stimmung
in  Berlin;  er  soll  für  die  auf  dreißig  Millionen  berechneten  Kriegskosten  das

östreichische  Schlesien  als  Pfand  gefordert  haben.