Metadaten : Blätter für Rechtsanwendung. XXXV. Band. (35)

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nahme  würdigen  (I1)  Leute.“  Ein  Schrei  der  Entrüstung  über  ein
solches  Treiben  ging  damals,  Ende  Dezember  des  Jahres  1887,
durch  Deutschland,  als  diese  Verhöhnung  jedes  sittlichen  Gefühles
Seiten  der  Leute,  welche  sich  die  Führer  der  deutschen  Arbeiter
nennen,  bekannt  wurde.  Aber  Herr  Singer,  welcher  nach  dem  Worte
Hasenclever's  auch  zu  Jenen  gehört,  welche  „viel  abgebrühter  sind,
als  wir  glauben“,  ließ  sich  dadurch  nicht  abhalten,  am  27.  Januar
des  Jahres  1888  von  der  Reichstagstribüne  aus  zu  verkünden
(Sten.  Ber.  S.  538):

Die  Sprache  des  „Sozialdemokrat“  betreffs  der  Vorgänge  in  Chicago
nehme  er  „vollständig"  in  Schutz.  „Das  ist  nur  die  Folge  ihrer  Gesetzgebung,
  die  Sprache  einer  unterdrückten  (!)  Partei“  —  als  ob  eine  unterdrückte
  Partei  nothwendig  lügen  und  die  elendesten  Schandbuben  verherrlichen
  müßte.  —  „Die  Sprache  wird  sich  den  Umständen  gemäß  ändern,
wenn  wir  wieder  dasselbe  Recht  haben,  das  jedem  einzelnen  Deutschen  zusteht.“
  Nun,  das  Sozialistengesetz  ist  seit  dem  1.  Oktober  1890  gefallen,
und  die  Sprache  der  sozialdemokratischen  Presse  ist  verlogener,  aufreizender
und  maßloser,  als  je  zuvor!

Aber  auch  die  anarchistischen  Mörder  in  Chicago  nahm  Herr
Singer  in  seinen  Liebesmantel.  Im  sicheren  Vertrauen  darauf,  daß
im  ganzen  Reichstag  Niemand  werde  auftreten  können,  um  den
Herrn  Redner,  auf  Grund  des  Prozesses  und  Urtheiles  gegen  die
Mörder,  Lügen  zu  strafen,  wagte  er  die  Flunkerei:

„Man  macht  uns  den  Vorwurf,  daß  wir  im  Namen  der  Menschlichkeit
um  Begnadigung  der  Chicagoer  Verurtheilten  gebeten  haben  durch  ein
Telegramm.  Wir  haben  dies  eben  im  Namen  der  Menschlichkeit  gethan,
auch  um  deswillen,  weil  den  Verurtheilten  nach  Lage  des  Prozesses  gar
nicht  nachgewiesen  ist,  daß  sie  die  betreffende  Bombe  geworfen  haben.“

Darin,  daß  diese  Flunkerei  nicht  widerlegt  werden  würde,  hatte
sich  nun  aber  Herr  Singer  bitter  getäuscht,  denn  der  Minister  v.  Puttkamer
  war  im  Besitze  des  Chicagoer  Urtheiles  (Sten.  Ber.  S.  548:
„eines  Meisterwerkes  von  mehreren  hundert  enggedruckten  Seiten“,
und  hatte  sich  „organische  Anszüge  daraus  gemacht,  um  ein  klares
Bild  davon  zu  haben,  was  für  Leute  das  eigentlich  gewesen
sind,  welche  der  Herr  Abgeordncte  Singer  als  seine  ungerathenen
Brüder  hingestellt  hat?  Denn  ich  habe  noch  nie  gehört,  daß  die
Herren  Sozialdemokraten  bei  irgend  einer  Instanz  für  irgend  einen
andern  zum  Tode  Verunrtheilten  vermittelt  hätten,  nur  gerade  für
diese,  „im  Interesse  der  Menschheit!“  (Sehr  richtig  rechts.)  Wie
sehen  nun  diese  „.ungerathenen  Brüder'  des  Herrn  Singer  aus?“

„Diese  Mordbrennerbande  hat  sich  schon  sseit  Jahren  in  Chicago  zusammengerottet,
  hat  es  verstanden,  eine  bewaffnete  Macht  von  etwa  15,000
Menschen  zusammenzubringen,  die  eingeübt  worden  sind  mit  Büchsen  und
Revolvern,  jeden  Augenblick  bereit,  loszuschlagen.  Und  das  waren  keine