Full text : Geschichte der Hohenzollern.

zu  erlassen;  freilich  gewaltsame  Mittel,  besonders  da  der  König  dessenungeachtet
keinen  Zuschuß  geben  wollte.  Selbst  die  von  ihm  mit  so  großem  Mißtrauen
angesehene  Philosophie  erschien  ihm  später  für  eine  vollständige  Ausbildung  so
nothwendig,  daß  er  äußerte,  alle  Studenten  sollten,  ehe  sie  zu  den  Fachwissenschaften
  übergingen,  fleißig  Philosophie  studiren.  Am  besten  kam  die  Universität
  Königsberg  fort,  weil  sie  wegen  ihrer  Entfernung  am  wenigsten  der  unmittelbaren
  Einwirkung  des  Königs  ausgesetzt  war.

Einen  merkwürdigen  Beitrag  über  die  Lage  der  Wissenschaft  dem  absoluten
Herrscher  gegenüber  giebt  die  Ausweisung  des  Professor  Wolf.  Christian  Wolf
war  seit  1706  Professor  der  Mathematik  in  Halle,  und  hatte  seit  1709  Vorlesungen
  über  philosophische  Wissenschaften  gehalten,  welche  ebensoviel  Beifall
von  Seiten  des  hörbegierigen  Publikums  als  Mißbilligung  von  einigen  Theologen
  erfuhren.  Auch  Franke,  sonst  sanft  und  duldsam,  war  mit  den  Ansichten
Wolfs  nicht  einverstanden.  Zwölf  Jahre  hatte  der  Streit  schon  gewährt,  als
endlich  der  Sturm  ausbrach  (1721).  Bei  Gelegenheit  der  Uebergabe  des  Rektorats,
  welches  Wolf  geführt,  an  den  Professor  der  Theologie  Lange,  einen  großen
  theologischen  Eiferer,  erregte  Ersterer  durch  seine  Rede  über  die  Philosophie
und  Moral  der  Chinesen  bei  der  ganzen  theologischen  Fakultät  so  großen  Unwillen,
  daß  Breithaupt,  als  Decan,  sich  das  Concept  der  Rede  ausbat,  welches
  ihm  Wolf  verweigerte,  doch  zu  jeder  mündlichen  Auskunft  bereit  war.  Von
beiden  Seiten  wurde  manche  Schrift  über  den  Streit  veröffentlicht,  und  endlich
die  Sache  bei  dem  geheimen  Rathscollegium  anhängig  gemacht.  Der  Minister
von  Printzen,  ein  Freund  der  Wissenschaft  und  Curator  der  Universität,  zeigte
sich  dem  Professor  Wolf  günstig,  doch  dadurch  ließen  sich  seine  Gegner  nicht
abschrecken,  sondern  gingen  mit  ihrer  Beschwerde  unmittelbar  an  den  König,  indem
  sie  sich  des  Einflusses  der  in  Halle  stehenden  Generale  von  Natzmer  und
von  Löben  bedienten,  Männer  von  strengen  kirchlichen  Ansichten,  denen  man
die  wunderbarsten  Vorstellungen  von  dem  Inhalt  der  Wolfischen  Philosophie
beigebracht  hatte.  Man  deutete  nämlich  seine  Lehre  von  der  sogenannten  prästabilirten
  Harmonie  und  von  dem  freien  Willen  des  Menschen  dahin  aus,
daß  nach  derselben  ein  entlaufener  Soldat  rechtmäßig  nicht  gestraft  werden  dürfte,
weil  er  vermöge  der  Prädestination  nicht  anders  habe  handeln  können.  Hier  traf
man  bei  dem  König,  und  darauf  war  es  berechnet,  den  empfindlichsten  Fleck;
daher  erschien  denn  auch  am  8.  November  1723  das  bekannte  strenge  Rescript
an  die  Universität,  daß,  „da  ihm  hinterbracht  worden,  der  Professor  Wolf  solle
in  öffentlichen  Schriften  und  Vorlesungen  solche  Lehren  vortragen,  welche  der
im  göttlichen  Worte  geoffenbarten  Religion  entgegenständen,  er  resolvirt  habe,
ihn  seiner  Professur  zu  entsetzen  und  ihm  das  Lehren  zu  verbieten;  das  mache
er  der  Universität  mit  dem  allergnädigsten  Befehl  bekannt,  dem  Wolf  anzudeuten,
  daß  er  binnen  48  Stunden  nach  Empfang  der  Ordre  Halle  und  alle  preußischen
  Lande  bei  Strafe  des  Stranges  räumen  sollte“.  Wolf  mußte  dem

scharfen  Befehl  Folge  leisten,  fand  aber  sogleich  Aufnahme  und  Anstellung  in