Metadata : Fürst Bismarck und der Bundesrat. Zweiter Band. Der Bundesrat des Zollvereins (1868-1870) und der Bundesrat des Deutschen Reichs (1871-1873). (2)

—  60  —

an  sein  Ende  in  naher  Freundschaft  verbunden  blieb.  An  diese  schrieb  er  vielfach
  über  seine  Eindrücke  und  Erlebnisse  aus  Berlin.  Einige  Briefe  mögen  hier
Platz  finden.
Berlin,  19.  Januar  1867.

„Heute  mittag  hatte  ich  eine  längere  Unterredung  mit  Bismarck  infolge
förmlicher  Anmeldung  bei  ihm.  Er  ist  wieder  sehr  frisch  und  wohl  und  empfing
mich  sehr  freundlich.  Weil  es  eine  ganz  außerordentliche,  viel  beneidete  Gunst
ist,  von  Bismarck  empfangen  zu  werden,  mußte  ich  jede  Sekunde  im  Geschäftsinteresse
  ausbeuten,  und  fallen  natürlich  alle  anderen  Gespräche  weg.“

*

Berlin,  22.  Februar  1867.

„Ich  weiß  und  verstehe,  daß  wir  in  einer  Zeit  großer  und  entwicklungsfähiger
  Umgestaltung  unseres  deutschen  Vaterlandes  leben,  und  ich  bin  zu  wenig
Egoist  und  —  ich  glaube  sagen  zu  dürfen  —  zu  sehr  deutscher  Patriot,
als  daß  ich  nicht  mit  voller  Hingebung  in  die  für  unser  Lübeck  unvermeidlichen
Einbußen  und  Opfer  bereitwillig  mich  zu  finden  wüßte.  Jene  Opfer  treten
ja  auch  an  mich  höchst  persönlich  heran.  Im  Grunde  habe  ich  es  als  ein
Glück  oder  eine  Gnade  Gottes  anzuerkennen,  daß  ich  die  Zeit  zu  verstehen,  zu
begreifen  weiß  und  dadurch  viel  leichter  über  alles,  was  sie  von  unserem  Lübeck
und  von  mir  selbst  fordert,  hinwegzukommen  im  stande  bin!“

*

Berlin,  26.  Februar  1867.

„Es  hat  mich  förmlich  beglückt,  daß  Du  die  Thronrede  ganz  köstlich  gefunden
  und  sie  mehrmals  durchstudirt  hast,  sie  ist  in  der  That  meisterhaft  abgefaßt.
  Ich  weiß,  daß  sie  nicht  bloß  das  Produkt  des  geistreichen  Bismarck  ist,
sondern  daß  König  und  Kronprinz  auch  an  der  Fassung  einen  wesentlichen
Anteil  haben,  und  daß  beide  von  der  deutschen  Aufgabe  Preußens  tief  durchdrungen
  sind.  Man  muß  eine  herzinnige  Freude  an  dem  Fortschritte  haben,
in  dem  unser  teures  Vaterland  —  Gott  sei  Dank!  —  begriffen  ist  und  dem
gegenüber  kleinstaatliche  und  Kirchturmsinteressen,  welche  doch  nur  egoistischen,
unlauteren  Ursprungs  sind,  immer  mehr  verschwinden  müssen.  Ueber  die  sehr
erhebende  und  erbauliche  Feier  am  Sonntag,  wie  über  die  große  Mahlzeit
(436  Couverts)  und  Vorstellung  bei  Hofe  schrieb  ich  offiziell  ausführlicher.
Alles  gelang  aufs  beste,  und  die  Hohenzollern  haben  sich  viele  Herzen  aufs
neue  erworben.  Von  Etiquette,  kalter  Förmlichkeit  und  steifem  Ton  keine  Spur.
Alles  herzlich,  freundlich  und  höchst  gemütlich.“

*

Berlin,  14.  April  1867.
„Bismarck  ist  von  ungemeiner  Liebenswürdigkeit  und  stets  in  bester
Stimmung.  Die  Konferenzsitzungen  sind  unter  seinem  Präsidio  ein  wahrer
Genuß.“