224 Geschlechtsleben.
Erklärung des Beckens im Kapitel über „Knochenbau“ nochmals zu überlesen
und die beigegebenen Abbildungen sich einzuprägen. Ohne Verständnis
für Gesundheitspflege im allgemeinen läßt sich auch das Geschlechtsleben
nicht richtig beurteilen, daher verweisen wir auf die gegebenen notwendigen
Grundlagen in den vorangegangenen Kapiteln und werden Wiederholungen
vermeiden.
□
Tweck der Geschlechtsorgane.
Die Fortpflanzung der Art ist die Aufgabe aller mit eigenen Geschlechtsorganen
versehenen Lebewesen. Bei den höher organisierten ist diese
Aufgabe stets auf zwei Individnen verteilt, indem die Natur ihnen verschiedene,
sich ergänzende Verrichtungen übertrug. Nur im Zusammenwirken
erfüllen sie ihren Zweck.
Alle Entwicklungsstufen zu verfolgen, wie aus der geschlechtslosen
Fortpflanzung die geschlechtliche entstand, hat nur wissenschaftliches, kein
praktisches Juteresse. Wir wollen daher nur anführen, daß es auch niedere
Wesen gibt, die sich durch Sprossung und Teilung ihres Leibes fortpflanzen,
bei welchen also die Fortpflanzung ohne geteilte Verrichtungen zustande kommt.
Die geschlechtliche Fortpflanzung, die sich auf zwei Individuen verteilt, ist
identisch mit der höchsten Entwicklung des Tieres, an dessen Spitze der Mensch
steht. Sie hat den „Geschlechtscharakter" geschaffen, d. h. Individuen mit
Eigenschaften, welche durch die scharf begrenzte Geschlechtsaufgabe entstanden
und welche ihrer Erfüllung fördernd waren, z. B. Ausdauer und Fürsorglichkeit
für den die Nachkommenschaft ernährenden Teil, Wachsamkeit und Mut
für den die Nachkommen verteidigenden Teil.
Die Verteilung der Aufgaben für die Fortpflanzung fand in der Weise
statt, daß der eine Teil jene Elemente in sich zur Reife brachte, welche den
Anstoß zum Wachstum des neuen Individuums gaben, und der andere dieses
werdende Individuum im eigenen Leibe zur vollen Entwicklung kommen ließ,
indem er dasselbe vom eigenen Blute ernährte und aus dem eigenen Leben
heraus schuf.
Aus dem ersteren ging der männliche Geschlechtstypus hervor,
aus dem letzteren der weibliche.
Daraus ergibt sich, daß das männliche Individuum der befruchtende
und lebenweckende Teil wurde, das weibliche aber der ernährende, erhaltende
und schaffende Teil.
So, wie das Tier durch die Befriedigung des Hungers und des Fortpflanzungstriebes
vollständig verbraucht wird, so ist auch die Frau der auf
niedriger Kulturstufe stehenden Völker von ihren Geschlechtsaufgaben ganz
verbraucht und nur als Geschlechtswesen von Wert.