Full text : Geschichte des Kurstaates und Königreiches Sachsen. Zweiter Band: Von der Mitte des sechzehnten bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. (2)

1593

106  Die  Administration  Friedrich  Wilhelms  von  Sachsen-  Weimar.

den  Sachsen  gehabt  hat.  Die  mittlerweile  zusammengetretenen
Stände  billigten  des  Administrators  Verfahren  vollständig,  begehrten
  auch,  daß  dem  jungen  Kurfürsten  ein  geschickter  Mann,
der  der  wahren  Lehre  zugethan,  zugleich  aber  von  Adel  wäre,
nebst  einem  adeligen  Hofmeister  beigegeben  würde,  und  um  das
eingedrungene  Gift  des  Calvinismus  wieder  aus  dem  Lande
zu  entfernen,  wurde  eine  allgemeine  Kirchenvisitation  angeordnet.
Die  dazu  ernannte  Commission,  aus  neun  Adeligen,  sechs  Theologen
  und  zwei  Juristen  bestehend,  hatte  allen,  nicht  bloß  geistlichen,
  sondern  auch  weltlichen  Beamten  vier  Visitationsartikel,
welche  die  reine  Lehre  der  Concordienformel  mit  Gegenüberstellung
  der  calvinischen  Irrlehre  scharf  zusammenfaßten,  zur
Unterschrift  vorzulegen;  wer  diese  verweigerte,  wurde  entsetzt.
Es  war,  wie  die  Ausführung  zeigte,  nichts  als  scheinheilige

Heuchelei,  wenn  ihr  aufgegeben  wurde  glimpflich  zu  verfahren

und  vor  dem  Außersten  immer  erst  den  Weg  der  Belehrung
zu  versuchen.  Die  Universitäten  verloren  mehrere  ihrer  täüchtigsten
  Lehrer;  eine  Anzahl  Beamte  wurde  entfernt;  die  meisten
zogen  erheuchelte  Unterwerfung  den  Leiden  des  Märtyrerthums
vor.  In  Leipzig  wurde  selbst  der  Thurmknopf  der  Nicolaikirche
  nach  calvinischen  Schriften  durchsucht.  Ein  allgemeines
Dankfest  am  11.  Febrnar  1593  und  das  Religionsmandat  vom
19.  Februar,  welches  das  so  oft  und  doch  stets  vergeblich  erlassene
  Verbot  alles  unnöthigen  Gezänks  in  Religionssachen
aufs  neue  einschärfte  und  die  Verpflichtung  aller  im  Kirchenund
  Schuldienst  Neuanzustellenden  auf  die  vier  Artikel  festsetzte,
bildeten  den  Schluß  des  glücklich  vollendeten  Werkes.  Ein
trauriges  Nachspiel  dazu  erlebte  Leipzig  in  einem  den  19.  Mai
ausbrechenden  Tumulte,  bei  welchem  der  durch  die  sträfliche
Nachsicht  des  Naths  aufgemunterte  Pöbel  sich  auf  die  Wohnungen
des  Kaufmanns  Weinhaus  und  arwerer  Calvinisten  stürzte  und
an  ihnen  die  roheste  Verwüstung  übte:  erst  des  Administrators
persönliches  Erscheinen  stellte  die  für  die  Messe  so  uöthige
öffentliche  Sicherheit  wieder  her;  vier  der  Rädelsführer  büßten
durch  das  Schwert  ½).

1)  über  die  leipziger  Visitation  s.  die  Nachricht  gines  Gleichzeitigen