der Bewohner anderer deutscher Landesteile wird der heutige Elsässer
oder Lothringer sich hineinversetzen können in die Herrlichkeit des
alten Reiches und in die glanzvolle Macht und Einheit des heutigen.
Die Fäden, die ihn mit jener Vergangenheit und darum aber auch
zugleich mit der neueren Zeit hätten verbinden können, sind fast
alle längst zerrissen. Versiegt sind die Quellen einer lebendigen
Tradition, welche allein im Volke ein verständnisvolles Erfassen
und Mitempfinden an geschichtlichen Erinnerungen ermöglicht und
wahrt. Ebenso haben die berufenen Vermittler und Träger solcher
Erinnerungen, der altelsässische niedere und hohe Reichsadel, als
erhaltendes Element, mit wenigen Ausnahmen in und nach der
Revolution dem adelsfeindlichen Lande endgültig den Rücken gekehrt.
Desgleichen fehlte seit Jahrhunderten beiden Lands chaften, aber
ganz besonders dem Elsaß, eine andere, so wichtige soziale Klasse,
der eingeborene Beamtenstand. Die jeweiligen kaiserlichen, fürstlichen,
dynastischen und später die französischen Machthaber haben durch
Beamte regiert, die der Mehrzahl nach, auch bei der Ensisheimer
Kammer, Land und Bevölkerung gegenüber Fremde waren. Aber
auch Bürger und Volkskreise haben von den Zeiten der Reformation
ab bis zur Revolution, namentlich im 30 jährigen Kriege,
Verluste erlitten, die nur durch fremde Zuwanderungen ersetzt werden
konnten. Aus Schwaben, aus der Schweiz war der Zuzug ein
besonders großer. Frankreich lieferte aber damals das wichtigste
Kontingent, das der Kulturträger. Nicht nur seine Beamten, sein
Adel, auch sein Bürger- und Handwerkerstand wurden durch ihre
Leistungen und teilweise auch durch ihre Zahl tonangebend im Lande.
Der militärischen Besihergreifung folgte die fortgesetzte friedliche
Durchdringung des Landes durch die Organe der Verwaltung, aber
ebenso sehr, namentlich in Straßburg und in Colmar, durch die
des Handels, des Kunstgewerbes und des Handwerks. Den verheerenden
Wogen des Krieges folgte im 18. Jahrhundert die spiegelglatte,
wohlgeleitete Elut friedlicher, fruchtbringender Bestrebungen.