Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

462  R.  Reinhard,  [36

6,5.m  Tiefgang  nach  Königsberg  gelangen  !).  —  Alle  deutschen  Seehäfen
  aber  werden  in  nächster  Zeit  überflügelt  werden  durch  Lübeck,
welches  im  Anschluß  an  den  Elbtravekanal  die  Mittel  bewilligte  zu
einer  nochmaligen  Regulierung  der  Trave  und  zur  Vertiefung  des  Fahrwassers
  auf  8,5  m?).

Die  geschilderten  Stromvertiefungen  waren  meist  weder  nötig
noch  möglich  in  der  ganzen  Breite  des  Stromes,  sondern  beschränkten
sich  auf  eine  Breite  von  75—150  m.  Deshalb  bedurfte  es,  um  die
Fahrrinne  sicher  benutzen  zu  können,  einer  genauen  Bezeichnung  derselben.
  Diese  Markierung,  mit  der  man  schon  im  frühen  Mittelalter
  begann  —  der  Neuwerker  Leuchtturm  wurde  bereits  im  13,  Jahrhundert
  gesetzt?)  —  ist  jetzt  durch  Reichsgesetz  geregelt,  auf  allen
deutschen  Strömen  einheitlich  und  so  vollkommen,  daß  die  Ein-  und
Ausfahrt  großer  Ozeandampfer  zu  jeder  Zeit  des  Tages  und  der  Nacht
und,  abgesehen  von  ganz  schweren  Stürmen  und  Nebeln,  bei  jeder
Witterung  geschehen  kann.

Markiert  wird  durch  Leuchtschiffe,  Leuchttürme,  Leuchtbaaken,
Kugelbaaken  und  Tonnen.  Die  Leuchtschiffe  und  Leuchttürme  liegen
an  der  äußersten  Mündung  der  Ströme.  Die  Baaken,  Holzgerüste,  an
denen  entweder  gewisse  Zeichen  für  die  Tagfahrt  oder  bestimmte  Feuer
für  die  Nacht  angebracht  sind,  stehen  nahe  der  Mündung  auf  Weatten
oder  Sandbänken,  weiter  oberhalb  am  Ufer  des  Stromes.  Die  Tonnen
sind  in  kurzen  Zwischenräumen  auf  der  ganzen  Länge  der  Fahrrinne
verankert.  Tonnen  und  Kugelbaaken  unterscheiden  sich  nach  bestimmten
Farben  und  Zahlen,  die  Lichter  zerfallen  in  unveränderliche  und  solche,
die  entweder  ihre  Farben  regelmäßig  wechseln  oder  in  bestimmten
mehr  oder  weniger  großen  Zwischenräumen  regelmäßig  auftauchen  und
wieder  verschwinden,  so  daß  der  diese  Zeichen  genau  kennende  Lotse
stets  weiß,  auf  welchem  Abschnitt  des  Stromes  er  sich  befindet.

Alle  besprochenen  Verbesserungen  der  Fahrrinne  aber  sind  natürlich
nur  dann  für  die  betreffenden  Städte  von  Vorteil,  wenn  sich  damit  der
politische  Besitz  des  Stromes  verbindet.  Darum  gingen  die  Bemühungen
der  Hansestädte  vor  allem  dahin,  ihre  Machtsphäre  über  den  Strom
möglichst  bis  an  die  offene  See  hin  auszudehnen  und  die  Flußufer  frei
zu  halten  von  lästigen  Nachbarn,  die  die  Schiffahrt  stören  könnten.
Mit  aller  Energie  wehrten  sie  sich  gegen  das  Strandrecht,  das  jedem
erlaubte,  gestrandetes  Gut  sich  anzueignen.  Manche  Raubritterburg
wurde  im  Mittelalter  von  ihnen  gebrochen,  mancher  Fürst  oder  Bischof
durch  friedliche  Verträge  oder  Waffengewalt  dahin  gebracht,  sein  Schloß
und  —  was  die  Hauptsache  war  —  seine  Zollhebestation  am  Ufer  aufzugeben
  t).  Das  Bremer  Gebiet  reichte  zur  Blütezeit  dieser  Stadt  bis
an  das  Meer);  bei  Lübeck  ist  das  heute  noch  der  Fall.  Hamburg
setzte  noch  im  19.  Jahrhundert  durch,  daß  Hannover,  Lauenburg  und

!)  Ebenda,  8.  110.

2)  Ebenda,  S.  139.

°)  Gaedechens,  Topographie  Hamburgs  $.  80.

1)  Vgl.  E.Erythropel,  Beiträge  zur  Geschichte  der  Weserpolitik  Bremens,
Geestemünde  1892  8.  3.  |

5)  W.  v.  Bippen,  Geschichte  der  Stadt  Bremen  Ba.  II  S.  4.