Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

Januar  1903.  397

nicht  so  eingehend  reden,  wie  dies  der  Herr  Abgeordnete  von  Vollmar  ge—
tan  hat.  Ich  freue  mich  aber,  sagen  zu  können,  daß  ich  mit  dem  Sinn
und  Geist  seiner  Ausführungen  in  dieser  Richtung  einverstanden  bin,  und
das  ist  ein  Beweis,  daß  man  über  viele  Dinge  verschiedener  Ansicht  sein,
aber  sich  doch  in  gewissen  Punkten  begegnen  kann.  Das  gilt  für  Indi—
vidnen  so  gut  wie  für  Völker.  Also  auch  ich  bin  davon  durchdrungen,
daß  ruhige  und  friedliche  Beziehungen  zwischen  Deutschland
  und  Frankreich  gleichmäßig  dem  Wohle  beider  Länder
entsprechen,  und  daß  es  sogar  eine  gewisse  Anzahl  von  Fragen  gibt,
wo  beide  zu  ihrem  gegenseitigen  Vorteil  zusammengehen  können.  Ich
werde  meinerseits  auch  fernerhin  auf  das  sorgsamste  unsere  Beziehungen
zu  unserem  westlichen  Nachbar  pflegen,  mit  dem  wir  in  der  Vergangenheit
  den  Degen  gekreuzt  haben,  dessen  glänzende  Eigenschaften  wir  aber
ebensowenig  verkennen  wie  seine  Verdienste  um  die  Fortschritte  der  Zivilisation,
  seine  Bedentung  als  eines  der  stärksten  Träger  menschlicher  Kultur.

Was  die  Venezuela-Angelegenheit  angeht,  so  kann  ich  mich
hinsichtlich  der  Ursachen  wie  der  Zwecke  unseres  dortigen  Vorgehens  auf
die  eingehende  Denkschrift  beziehen,  welche  ich  die  Ehre  gehabt  habe  vor
einiger  Zeit  diesem  hohen  Hause  zu  unterbreiten.  Unsere  in  voller  Gemeinsamkeit
  mit  England  und  Italien  eingenommenc  Haltung  hat  bisher  dahin
geführt,  daß  der  Präsident  von  Venezuela  die  Forderungen  der  drei
Mächte  im  Prinzip  anerkannt  hat.  Ebenso  hat  er  sich  mit  den  Vorbedingungen
  einverstanden  erklärt,  welche  die  drei  Mächte  für  die  Ueberweisung
  der  Streitfrage  an  das  Haager  Schiedsgericht  aufgestellt  haben.
Es  sollen  demnächst  in  Washington  über  die  weitere  Behandlung  der  Angelegenheit
  diplomatische  Konferenzen  das  Nähere  befinden.  Die  amerikanische
  Regierung  hat  es  in  dankenswerter  Weise  übernommen,  die  durch
den  Abbruch  der  diplomatischen  Beziehungen  der  drei  Mächte  zu  Venezuela
erschwerten  Verhandlungen  mit  dieser  Republik  ihrerseits  zu  vermitteln.
Unser  Bestreben  geht  dahin,  die  bewaffnete  Aktion  so  bald  als  möglich
zum  Abschluß  zu  bringen.  Die  über  die  Küste  von  Venezuela  von  den
drei  Mächten  verhängte  Blockade  wird  voraussichtlich  aufgehoben  werden,
sobald  die  diplomatischen  Verhandlungen  in  Washington  zu  einem  befriedigenden
  Ergebnis  geführt  haben  werden.  Wie  gestern  von  dem  Herrn
Abgcordneten  Dr.  Schaedler  mit  Recht  anerkannt  worden  ist,  befinden  sich
die  Verhandlungen  zwischen  den  fünf  beteiligten  Regierungen  gegenwärtig
im  vollen  Fluß.  Es  würde  nicht  im  Interesse  der  Sache  liegen,  wenn
ich  heute  mehr  sagte.  Sobald  sich  die  Situation  geklärt  haben  wird,
werde  ich  aber  nicht  verfehlen,  diesem  hohen  Hause  Mitteilung  zu  machen.