Full text : Preußische Geschichte. Zweiter Band. (2)

338  Viertes  Buch.  Der  Ausbau  des  preußischen  Königtums.

unter  dem  Elend  ringsum.  In  Preußen  drohten  infolge  von
Mißernten  und  Hungereonot  Verödung  und  Entvölkerung:  von
700  000  Einwohnern  starben  195  000.  Der  Wittgensteinsche
Prozeß  hatte  auch  in  den  anderen  Provinzen  Elend  und  Unrecht
  in  Menge  aufgedeckt.  Seit  ihm  aber  einmal  die  Augen
geöffnet  waren,  brach  der  König  —  und  das  gereicht  ihm  zur
Ehre  —  mit  dem  bisherigen  System  und  gewährte  Reformen
im  Sinne  des  ernsten,  strengen  und  peinlich  gewissenhaften
Sohnes  größeren  Spielraum.  Aber  die  unbarmherzige  Konsoquenz,
  deren  es  zu  vollem  Erfolge  da  bedurft  hätte,  fehlte  ihm,
und  bereits  1712  klagte  der  Kronprinz  wieder,  wie  viel  Schelmerei
  er  mitansehen  müsse  und  wie  man  den  guten  König  betrüge.
  Auch  fehlte  es  nicht  an  Leuten,  die  den  Gegensatz
zwischen  Vater  und  Sohn  geflissentlich  nährten,  wie  der  König
des  Kronprinzen  Passion  für  große  Grenadiere  gelegentlich  bespöttelte.
  So  entstand  eine  Verstimmung,  die  den  zärtlich  an
dem  Vater  hängenden  Sohn  sichtlich  drückte.  Andererseits  mußte
sich  Friedrich  wie  abgedankt  vorkommen,  wenn  er  sah,  wie  der
neue  Oberkammerherr  von  Kamecke  am  Hofe  Ordnung  machte.
Und  auch  in  der  Verwaltung  wurden  wenigstens  die  ärgsten
Mißbräuche  abgestellt  und  die  schreiendsten  Rechtsverletzungen
gut  gemacht.  Die  Vererbpachtung  der  Domänen  hatte  ein
Ende  und  wurde  durch  die  Zeitpacht  ersetzt,  die  Salzauflage,
durch  deren  betrügerische  Erhöhung  Wittgenstein  sich  schnöde
bereichert  hatte,  wurde  aufgehoben,  die  auegeplünderte  Feuerkasse
  neu  organisiert  und  anderes  mehr.

In  der  auswärtigen  Politik  aber  blieb  alles  beim  alten,
obgleich  Preußen  immer  größere  Gefahren  daraus  erwuchsen.
Durch  brandenburgisches  Gebiet  drangen,  den  weichenden  Schweden
  folgend,  Russen,  Polen  und  Däuen  in  Pommern  ein.  Aber
bei  der  geplanten  Teilung  der  Bente  ließen  sie  für  Preußen
nichts  übrig:  Pommern  sollte  August  II.,  Bremen  und  Verden
Dänemark  oder  Hannover  bekommen,  das  sich  nun  Schwedens
Gegnern  anzuschließen  eilte.  Dazu  kamen  neue  Händel  mit  den
Niederlanden  über  die  rückständigen  Subsidien  und  die  oranische
Erbschaft.  Und  nun  starb  (17.  April  1711)  Kaiser  Joseph  l.
Das  änderte  von  Grund  aus  die  Stellung  der  Mächte  zu  der