Full text : Zu Bismarcks Gedächtnis.

Rede  bei  der  Gedächtnisfeier  der  Universität  Leipzig.  163

wie  die  zersetzenden  Einflüsse  der  Zeitgedanken:  denn  nichts  ist  falscher
als  die  Vorstellung,  Otto  von  Bismarck  sei  der  geistigen  Bildung  seiner
Jugendtage  fremd  gewesen;  er  hat  sehr  viel  gelernt  und  hat  die  seelischen
Entwicklungskämpfe  in  Zweifeln  und  in  Krisen  durchgerungen,  wie
andere  auch.  Auch  die  deutschen  Gedanken  der  30er  Jahre  haben  ihn
berührt;  aber  fie  haben  ihn  nicht  festgehalten.  Er  hat  die  unteren
Stusen  des  preußischen  juristischen  Staatsdienstes  kennen  gelernt:  der
Edelmann  in  ihm  hat  sich  gegen  die  Bureaukratie  gewehrt;  er  ist  dann
durch  persönliche  Verhältnisse  gezwungen  worden,  die  väterlichen  Güter
zu  übernehmen,  und  hat  in  arbeitsreichen  Jahren  sich  wieder  mit  dem
eigentlichen  Erbe  seines  Hauses  und  seiner  Art  verknüpft,  mit  dem  Lande.
Und  in  dieser  Zeit,  nach  1840,  ist  seine  Eigenart  fest  geworden.  Er
wurde,  wozu  er  bestimmt  schien:  der  preußische  Landedelmann,  der  Landwirt
  und  Offizier.  Und  was  er  damals  in  sich  aufnahm  oder  wieder
in  sich  durchbildete,  das  blieb  der  Juhalt  seines  Lebens  —  zum  Teile
für  immer,  zum  Teile  doch  wenigstens  für  seine  gewaltigste  Lebensarbeit,
bis  1866.  Hier  ist  er,  soweit  sachliche  überlieferung,  sachlicher
Zusammenhang  mit  der  Welt,  in  der  er  aufwuchs,  dieses  riesenhafte
Wesen  erklären  können,  in  Wahrheit  zu  begreifen:  hier  muß  ihn  aufsuchen,
wer  ihn  in  seinen  Voraussetzungen,  seinen  entscheidenden  Zügen  und
seinem  Werden  verstehen  will.  Der  preußische  Adel  hat  einst  mit  den
Hohenzollern  gerungen,  dann  hat  er  sich  ihrem  siegreichen  Staate  völlig
eingefügt;  er  hat  sich  mit  seinen  Königen  versöhnt  und  ihnen  in  Heer
und  Verwaltung  gedient,  ist  dann  von  ihnen  selber,  von  Friedrich  dem
Großen  insbesondere,  anerkannt  und  sorgsam  gepflegt  worden.  Er  blieb
daneben  eine  gewaltige  sociale  Macht  für  sich  und  hat  sich  im  neuen
Jahrhundert  auch  mit  selbständigen  socialen  Forderungen  an  die  Krone
gewandt;  er  hat  da,  in  seinen  begabten  Vertretern,  den  alten  Absolutismus
  abgelehnt,  aber  den  alten  Gedanken  der  Antorität,  im  Bunde  des
Adels  mit  dem  Königtume,  festgehalten  und  neu  entwickelt.  Es  ist  die
eine  Strömung  der  preußischen  Geschichte  des  19.  Jahrhunderts,  diese
monarchisch  aristokratische;  neben  ihr  die  liberal-  bürgerliche;  die  erste
steht  mit  der  alten  Königsgeschichte  im  besonders  engen  Zusammenhange,  wenn
sie  auch  den  Edelmann,  nach  seiner  uralten  Forderung,  freier  neben  den
Herrscher  stellt,  als  es  die  Könige  des  18.  Jahrhunderts  geduldet  hatten.
Im  Übrigen  haben  diese  Kreise  die  Tradition  des  alten  Preußentums
getreu  gehegt:  der  alten  Schroffheit  und  Ausschließlichkeit,  des  alten
Machtbewußtseins,  des  preußischen  Staatsgefühles,  das  man  von  König
Friedrich  zumal  geerbt  hatte  und  das  man  festhielt  als  Kern  des  eigensten
  Wesens  —  auch  wenn  man  nicht  stark  genug  war,  es  in  Friedrichs
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