Full text : Zu Bismarcks Gedächtnis.

132  Erich  Marcks.

Natur,  sodaß  ein  frischer  Erdgeruch  das  ganze  hohe  Dasein  auch  des
Staatsmannes,  des  Genius  umwitterte;  wie  er  so  ganz  in  seiner  Familie
lebte,  ein  germanischer  Mensch,  untrennbar  von  der  warmen  Behaglichkeit
  des  Hauses,  zart,  innig  und  einfach  in  seiner  Liebe,  von  der  er  doch
bekannte,  daß  sie  mit  seinem  Glauben  zusammen  die  fefleste  gestaltende
Kraft  seines  Lebens  war.  Wir  kennen  ihn  ja,  wie  er  zu  den  Seinen,
zu  seiner  Gemahlin,  zu  seiner  Schwester  gesprochen  hat,  in  Briesen,  klar
und  groß  und  rein  bis  auf  den  Grund,  in  denen  alles  absichtslos  zu
Worte  kommt,  übermütiger  Scherz  und  erhabener  Ernst:  die  tiefen
Saiten  seines  Seelenlebens  schwingen  und  klingen  da  so  schlicht  und  so
voll;  wer  diese  Briefe  liest,  der  muß  ihn  lieben.  Wir  wagen  es  heute
nicht,  sein  Wesen  zusammenzusetzen  und  nachsinnend  zu  erläutern;  wir
wagen  es  in  dieser  Stunde  nicht,  einander  die  einzelnen  Züge  der  Erscheinung,
  des  Antlitzes  zu  schildern,  die  wir  nun  niemals  im  körperlichen
  Leben  wiedersehen  sollen:  aber  in  ihrem  gesamten  Bilde  stehen
sie  uns  allen  doch  vor  der  Seele,  ganz  hell,  ganz  lebensvoll;  und  wir
sehen  ihm  in  die  Augen  hinein,  die  das  Gewaltigste  waren,  was  unsere
Zeit  in  einem  Menschenantlitze  zu  schauen  hatte,  in  diese  Augen,  von
deren  Blicken,  wenn  sle  scharf  auf  dem  anderen  ruhten,  sich  jener  durchbohrt,
  durchdrungen,  beherrscht  fühlte  —  wir  sehen  ruhig  und  ohne
Scheu  in  sie  hinein:  so  löwenhaft  sie  sind,  sie  sind  uns  tief  vertraut;
wir  fühlen  es:  er  war  unser.

Freilich,  er  selber  ist  er  —  und  gottlob!  —  geblieben  bis  zuletzt.
Er  hat  das  Alter  unseres  größten  Dichters  erreicht  und  Übertroffen;  er
hat  so  wenig  zu  rasten  vermocht  wie  Goethe:  er  hatte  den  allmächtigen
Drang,  zu  wirken,  so  lange  ihm  die  Sonne  noch  schiene.  Aber  gewiß,
nicht  in  dem  harmonischen  Gleichgewichte  der  Seele,  wie  es  der  höchste
Mensch  unseres  humanistischen  Zeitalters  in  sich  selber,  als  Künstler
und  Weiser,  ausgestaltet  hatte;  denn  Bismarck  war,  so  tief  seine  Bildung
und  seine  Liebe  in  dem  Kreise  der  goethischen  Kunst  ruhte,  wahrlich  kein
Humanist.  Der  stürmische  Drang  seiner  Persönlichkeit  sprengte  alle
Fesseln  des  goethischen  Ideals:  er  war  der  Genius  der  politischen  Zeit,
und  seine  Seele  war  politisches  Handeln.  Verstanden  hätte  ihn  Goethe
wohl,  den  großen  Lebensschaffer,  den  ewig  Ringenden,  den  ewig  Unbefriedigten,
  der  es  nicht  verwinden  konnte,  gelähmt  und  von  seiner
Welt,  dem  Schaffen  und  Herrschen,  geschieden  worden  zu  sein.  Es  war
ein  Irrtum,  wenn  wir  aus  den  Klängen  seiner  wundervollen  Ansprachen
vom  80.  Geburtstage  auch  bei  Bismarck  den  Geist  der  ruhigen  Betrachtung
  herauszuhören  meinten,  den  Geist  goethischen  Greisenalters,
der  die  stille  Welt  beruhigt  zu  seinen  Füßen  sähe.  Das  waren  Augenblicke,