Börne. 707
tischen Probleme nur ein kahles Entweder — oder aufzufinden vermochte.
„Ist der Staat Zweck oder der Mensch in ihm?“ — dies schien ihm die
große Frage der Zukunft; den Unsinn dieser Fragstellung, den schon Kant
erwiesen hatte, vermochte er nicht zu durchschauen. So erging er sich
denn, ohne je ein bestimmtes, greifbares Ziel zu weisen, in hohlen Lobpreisungen
der Anarchie, der Mutter aller Freiheit, und in ebenso gehaltlosen
Zornreden wider das unabänderliche deutsche Elend: „wir sind
eisernes Vieh, das die Vergangenheit der Gegenwart zugezählt, und das
die Gegenwart, wie sie es erhalten, der Zukunft überliefern muß.“
Der einzige klare politische Zweck, den er im Auge behielt, war die
Emancipation seiner Stammverwandten. Er selber war zum Christenthum
übergetreten, nicht aus religiöser Ueberzeugung, auch nicht um ganz
ein Deutscher zu werden, sondern lediglich um des leichteren Fortkommens
willen. Doch er kannte die Scham nicht und hielt es nicht für unanständig,
als Renegat noch den Anwalt seiner verlassenen Glaubensgenossen
zu spielen. Trotz seines Uebertritts bewahrte er sich den Rassendünkel
des auserwählten Volks und verhehlte kaum, daß er die Juden für das
Salz der deutschen Erde ansah — was ihn freilich nicht hinderte, gelegentlich
mit roher Selbstverhöhnung über Juden und Deutsche zugleich herzufallen
und die deutschen Juden als Hasen mit acht Füßen zu verspotten.
„Ich weiß", schrieb er einmal, „das unverdiente Glück zu schätzen, zugleich
ein Deutscher und ein Jude geboren zu sein, nach allen Tugenden der
Deutschen streben zu können und doch keinen ihrer Fehler zu theilen!“
Gleichwohl wollte er nicht dulden, daß die Christen auch nur den Namen
„Juden“ in den Mund nahmen, und schrie über empörende Unduldsamkeit,
wenn die Zeitungen der Wahrheit gemäß einfach berichteten, daß
der jüdische Kaufmann Levi Bankrott gemacht habe. Unter den Beschwerden,
die er unermüdlich vorbrachte, waren manche wohl begründet,
aber auch viele nur durch die Empfindlichkeit krankhafter Selbstüberhebung
eingegeben. Als die Stadt Frankfurt am hundertsten Jahrestage
einer großen Feuersbrunst eine Erinnerungsfeier veranstalten wollte, verfügte
der Rath: „Zu dem Ende wird Sonntags den 27. in allen christlichen
Kirchen feierlicher Gottesdienst gehalten werden, sowie in der jüdischen
Synagoge Gebete verordnet sind.“ Die Bekanntmachung war nach Form
und Inhalt ganz harmlos, doch da sie für die Juden etwas andere
Worte gebrauchte als für die Christen, so schleuderte Börne einen grimmigen
Artikel dawider und rief verzweifelnd: „O armes Vaterland, in
dem solche Dinge geschehen!“ Trotz solcher Uebertreibungen machten die
beharrlich wiederholten Klagen doch Eindruck; die radicale Jugend begann
die vor Kurzem noch so grimmig gehaßten Juden als edle Freiheitskämpfer
zu schätzen.
Im Jahre 1822 reiste Börne nach Paris, und schon in Straßburg
rief er glückselig: „ich fühle mich frei!“" Wie weit ab lag schon die Zeit
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