84 Fünftes Kapitel.
Ciceros Schrift „über die Pflichten“, das mit Randbemerkungen des Grafen
von Drovence (Cudwigs XVIII.) versehen war. Von Ancillon begleitet,
besuchte er eine Vorlesung des berühmten Historikers Cacretelle, wohnte
auch einer Sitzung des Gesetzgebenden Körpers, der Akademie der Inschriften
und einer Kriminal-Gerichtsverhandlung bei. Er fuhr auch hinaus zu
dem Magdalenenkirchhofe, auf dem die Gebeine des unglücklichen Königs
Ludwig XVI. und seiner Gemahlin Marie Antoinette beigesetzt waren.
So war es eine Fülle ergreifender und bedeutender Eindrücke, die
der junge Prinz Wilhelm — am 50. Mai zum Major ernannt — von
Paris mit sich nahm; sie wurde noch vergrößert und erweitert, durch
das, was Condon, was England gleich danach ihm bot. Der Prinz—
regent von England hatte die siegreichen Monarchen mit ihren ruhm—
bekränzten Feldherren zu einem Besuche des Inselreiches mit dringender
Herzlichkeit eingeladen. Wohl war dem Könige Friedrich Wilhelm alles
Schaugepränge in der Seele zuwider, aber diese Einladung glaubte er
doch nicht ablebnen zu können, ja er redete auch dem Fürsten Blücher
zu, sie anzunehmen. „Blücher"“, sagte er zu ihm, wie dieser an einen
Freund schreibt, „Sie müssen reisen, das läßt sich nicht ablehnen.“ Die
Drinzen aber werden gewiß sehr gern die Festfahrt im Gefolge des
Königs mitgemacht haben. Am 7. Juni trafen sie in Condon ein und
wohnten dort in dem Halaste von St. James. ·
Der Aufenthalt in London war ein Triumphzug; Tag für Tag
fanden die glänzendsten Festlichkeiten statt. Zesuche bei der englischen
Königsfamilie, ein feierliches Kapitel des Hosenbandordens, Wettrennen
bei Ascott, Festgottesdienst in der Westminsterkirche, Festvorstellungen in
den Theatern, festliche Zewirtungen und Bälle, Besichtigungen der öffentlichen
Anstalten für militärische und seemännische Swecke folgten ohne
Unterbrechung aufeinander, und allenthalben waren auch die drei jungen
preußischen Orinzen dabei, denen der General Stewart als Führer und
Begleiter zugewiesen war. Auch Oxford wurde besucht, wo die Universität
die beiden Monarchen zu Ehrendoktoren ernannte. Es war, als
wenn England sich gar nicht genug thun könnte, seine Gäste recht zu feiern;
so groß war der Wetteifer, den die Engländer in allem an den Tag
legten. Wo nur die Fürsten oder die Feldherren erschienen, da erdröhnte Jubelgeschrei
aus Tausenden begeisterter Kehlen. Denn die ehrliche Begeisterung
des englischen Dolkes, die aufrichtige Rerzlichkeit, die es zeigte, war es vor
allem, was auf die fremden Gäste so wohltbuenden Eindruck machte.
Das gab auch für den Hrinzen Wilhelm den großen Tagen des Befreiungskrieges
durch den Besuch in England einen festlich-schönen Abschluß.