Metadata : Tagebuchblätter. Dritter Band. (3)

Neunundzwanzigstes  Kapitel  109

hatte.  Leider  habe  ich  keine  Abschrift  von  diesem  Briefe  bewahrt;)
dagegen  besitze  ich  das  Original  der  Antwort  und  erlaube  mir,  dasselbe
  gehorsamst  beizulegen.

„Das  Resultat  der  Unterredung,  die  Lassalle  darin  fordert,  war
eine  Übereinstimmung  unfrer  Vorstellungen  von  dem  Wesen  der
Gesellschaft  und  dem  Gange  der  Geschichte  im  großen;  sofort  aber
trat  der  alte  Konflikt  zwischen  uns  und  nun  in  der  Form  hervor,
daß  er,  von  der  Ideenentwicklung  in  der  Geschichte  ausgehend,  die
Realisierung  der  nächsten  Phase  bald,  noch  während  seines  Lebens,
erwartete,  während  ich,  ausgehend  von  der  Betrachtung  der  Klassen
und  Gruppen,  wie  sie  mir  in  einzelnen  Typen  erschienen,  von  dem
natürlichen  Egoismus  der  einen  und  der  Trägheit  der  andern  einen
langen  Widerstand  der  Materie  gegen  den  Gedanken,  daher  den
Durchbruch  neuer  wirtschaftlicher  Formen  erst  in  Menschenaltern
vorherzusehen  glaubte.  Dieser  Irrtum  Lassalles  (dafür  habe  ich  ihn
gegen  Lassalle  ausdrücklich  erklärt,  und  die  Erklärung  habe  ich  nie
zurückgenommen,  wenn  ich  auch  später  den  theoretischen  Streit  ruhen
ließ  und  an  den  Erfolgen  der  Agitation  den  lebhaftesten  Anteil
nahm),  dieser  Irrtum  war  mir  übrigens  nicht  neu;  ich  hatte  ihn
an  andern  Hegelianern  beobachtet,  und  er  erklärt  sich  ganz  natürlich
aus  dem  Wesen  der  Hegelschen  Philosophie,  die  es  bekanntlich  unternimmt,
  einen  Parallelismus,  eine  Identität  nachzuweisen  zwischen
der  Entwicklung  der  Begriffe  im  reinen  Denken  (gleichsam  der  Algebra)
  und  den  Erscheinungen  der  Natur  und  den  Vorgängen  der
Geschichte  (gleichsam  der  Rechnung  mit  benannten  Größen).  „Sein
und  Denken  sind  identisch«  Lassalle  nahm  meine  Einwürfe  nicht
leicht,  ich  erinnere  mich,  daß  meine  Berufung  auf  Lessings  Erziehung
  des  Menschengeschlechtse,  namentlich  auf  §  90  dieser  inhaltreichen
  kleinen  Schrift,“)  Eindruck  auf  ihn  machte.  Er  ging  lange
mit  sich  zu  Rate,  aber  der  Einfluß  einer  andern  leidenschaftlichen

 

*)  Der  Brief,  im  Besitze  der  Gräfin  Hatzfeldt,  ist  im  Juli  1878  von  der
Berliner  Neuen  Freien  Presse  und  nach  ihr  von  der  Germania  abgedruckt  und
liegt  bei.  Anm.  vom  Jahre  1878.

**)  §90.  „Der  Schwärmer  thut  oft  sehr  richtige  Blicke  in  die  Zukunft,  aber
er  kann  diese  Zukunft  nur  nicht  verwerten.  Er  wünscht  diese  Zukunft  beschleunigt
und  wünscht,  daß  sie  durch  ihn  beschleunigt  werde.  Wozu  sich  die  Natur  Jahrtausende
  Zeit  nimmt,  soll  in  dem  Augenblicke  seines  Daseins  reifen."“