Full text : Der Deutsche Reichstag.

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Der  von  den  Abgeordneten  Völk  und  Hinschius  eingebrachte  Antrag
auf  Einführung  der  obligatorischen  Cioilehe  und  der  Civilstandsregister
kam  am  23.  April  zur  ersten  Beratung,  wurde  von  den  Konserwativen
wegen  der  nach  ihrer  Ansicht  mangelnden  Kompetenz  des  Reiches,  von
dem  Centrum  teils  aus  diesem  Grunde,  teils  aus  scheinbar  religiösen
Gründen  bekämpft  und  an  eine  Kommission  von  12  Mitgliedern  verwiesen.
  Bei  der  zweiten  Beratung  am  4.  Juni  zeigte  sich,  daß  das
Haus  nicht  mehr  beschlußfähig  war,  und  zu  einer  dritten  Beratung
kam  es  wegen  des  bald  darauf  folgenden  Schlusses  des  Reichstages
nicht  mehr.  Am  14.  Mai  wurde  der  von  dem  Abgeordneten  Büsing
eingebrachte  sogenannte  „mecklenburgische“  Antrag  beraten.  In  einigem
Zusammenhang  mit  dem  Büsing'schen  Antrag  stand  der  von  Wiggers
gestellte,  welcher  die  Herstellung  einer  einheitlichen  Ordnung  im  Vereinsund
  Versammlungswesen  für  alle  deutschen  Staaten  forderte  und  dabei
vorzugsweise  Mecklenburg  im  Auge  hatte,  das  eine  gesetzliche  Vereinsund
  Versammlungsfreiheit  noch  gar  nicht  kennt.  Der  Antrag  kam  am
30.  April  zur  ersten  Beratung,  aber  nicht  mehr  zur  Entscheidung.

An  diese  aus  dem  Schoße  des  Reichstages  selbst  hervorgegangenen
Anträge,  reihte  sich  noch  am  5.  Mai  ein  Antrag  des  Abgeordneten
Schulze  auf  Erlaß  eines  Gesetzes  über  die  rechtliche  Stellung  der  auf
Gegenseitigkeit  beruhenden,  sog.  freien  Hilfs=  und  Unterstützungskassen
der  Gewerbegehilfen  und  Lehrlinge  und  am  12.  Mai  eine  Interpellation
der  konservativen  Partei  an  den  Reichskanzler,  ob  derselbe  eine  Vorlage
  machen  werde,  um  bei  Streitigkeiten,  welche  zwischen  Arbeitgebern
  und  Arbeitern  über  Fortsetzung  oder  Aufhebung  des  Arbeitsverhältnisses
  entstehen,  rechtswidrigen  Ansschreitungen  entgegen  zu  treten.

Am  21.  und  22.  Mai  unternahmen  Bundesrat  und  Reichstag  eine
Festfahrt  nach  Wilhelmshaven  zur  Besichtigung  der  deutschen  Flotte
und  Marine-Einrichtungen.  Minister  Stosch  und  Feldmarschall  Molike
waren  die  Führer.  Am  25.  Juni  wurde  die  Session  durch  den  Reichskanzler
  geschlossen.

Simson  feierte  in  diesem  Jahre  sein  fünfundzwanzigjähriges  Präsidenten-Jubiläum.
  Er  hatte  schon  während  der  Herbstsession  des
Reichstages  von  1871  abdanken  wollen.  Am  23.  November  jenes
Jahres  brachte  der  Vicepräsident  Fürest  Hohenlohe  ein  Schreiben  Simsons,
  welcher  in  der  Sitzung  nicht  anwesend  war,  zur  Kenntnis,  welches
ebenso  im  Hause  wie  außerhalb  desselben  das  lebhafteste  Bedauern
erregen  mußte,  indem  darin  angezeigt  wurde,  „daß  der  Präsident  sich
veranlaßt  sieht,  das  Präsidium  des  Reichstages  niederzulegen.“  Unter
dem  Eindrucke  dieser  Nachricht  schloß  das  Haus  die  Sitzung,  indem