Full text : Das Preußische Volk in Waffen und die neue Militär-Organisation.

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Aristokratie,  als  Ganzes  genommen,  für  das  Wohl  des  Landes  sich  erworben
  hätte,  und  in  welchem,  was  Einzelne  aus  diesem  Kreise  mit  Geist,
Kraft  und  edlem  Streben  wirkten,  durch  die  große  Anzahl  Derer  vergessen
  gemacht  wird,  welche  sogar  dabei  störend  und  hemmend  in  den
Weg  traten,  sobald  sie  in  schnöder  Selbstsucht  ihre  eigenen  Interessen  nur
entfernt  bedroht  sahen.  —  Preußens  Volk  hat  von  seiner  Aristokratie
andere  Ueberlieferungen  als  z.  B.  das  englische.  Es  hat  noch  frisch  im  Gedächtniß,
  daß  die  aus  ihrer  Mitte  entnommenen  Führer  in  Verwaltung
und  Heer  zu  Anfang  des  Jahrhunderts  den  Staat  an  den  Abgrund  des
Verderbens  brachten,  und  daß  nur  erst  das  Hinzutreten  des  tüchtigen,
opferwilligen  Bürger=  und  Bauernthums  den  seinem  geliebten  Königshause
angethanen  Schimpf  glänzend  rächte  und  Preußen  so  hehr  und  groß  wieder
hinstellte,  wie  es  nie  zuvor  gewesen  war,  und  wie  es  auch  bleiben  wird,
sündigt  es  nicht  wiederum  gegen  den  Geist,  der  seine  Existenz  einzig  und
allein  bedingt.

Die  Lage  des  preußischen  Staates  in  lang  gestreckter,  zerrissener  Gestalt
  mit  ausgedehnter  Küstenstrecke,  fast  genau  in  der  Mitte  Europa's,
macht  es  erklärlich,  daß  er  von  allen  großen  politischen  Fragen,  welche
in  diesem  Erdtheile  zum  Vorschein  kommen,  scharf  berührt  und  bewegt
wird.  —  Preußens  schwankende,  oft  schwächliche  Politik  dabei  erklärt  sich
mit  aus  dem  Umstande,  daß  es  keinem  seiner  Nachbarn  vertrauen  kann.
Alle  Welt  weiß,  daß  der  gewandte  Franzose  eine  besondere  Vorliebe  für
den  Kölner  und  Mainzer  Dom  hat  und  wohl  nicht  aus  bloßem  Kunstsinn.
Der  glückliche  Belgier  hat  noch  so  mancherlei  im  Gedächtniß,  und  der
phlegmatische  Holländer  bewacht  mißtrauisch  sein  Rhein-Delta  jusqu'a
la  mer.  Der  trotzige  Däne  höhnt  mit  der  Keckheit  eines  Hundes,  welcher
den  Löwen  —  im  Käfig  —  anbellt,  und  dem  tapfern  Russen  ist  es  nicht
gleichgültig,  daß  er  den  preußischen  Grenzzoll  passiren  muß,  wenn  er  auf
seiner  Weichsel  eine  Fahrt  bis  zur  Ostsee  machen  will.  Der  schlaue
Oestreicher  ist  stets  bereit,  nach  der  bekannten  Schüssel-Anekdote,  dem
Preußen  gegenüber  sich  wieder  die  großen  Krebse  zuzudrehen,  und  die
übrigen  Deutschen,  oder  wohl  richtiger  deutschen  Fürsten,  sind  wohl  heute
der  Mehrzahl  nach  noch  dasselbe,  was  sie  zur  Zeit  waren,  als  unser
großer  Kurfürst  mit  gesammter  Wehrkraft  am  Rhein  Deutschland  vertheidigte,
  und  sie  ruhig  und  schadenfroh  zusahen,  als  seine  Stammlande
unterdessen  vom  Nationalfeinde  ausgeplündert  wurden.  —  Genug,  der
preußische  Staat  ist  von  allen  Seiten  bedroht,  gehaßt,  beargwöhnt  oder
ist  doch  ohne  alle  Sympathie,  was  man  auch  dagegen  sagen  mag.  Ein
solcher  Staat  ist  für  seine  Existenz  auf  die  eigene  Kraft  angewiesen;  er