346 Student Utin. Neuer Unterrichtsminister. „Es muß etwas geschehen.“ London oder Paris.
jährigen jüdischen Studenten namens Utin, dessen Vater ein reichgewordener
Branntweinspächter ist. Die Richtung, welcher dieser jugendliche Demagoge angehört,
charakterisiert sich dadurch, daß seine Parteigenossen beabsichtigten, den 14. Dezember,
als Jahrestag der Verschwörung von 1825,¹) öffentlich zu feiern, eine Demonstration,
welche erst am 13. abends, mehr durch die Popularität als durch die Strenge des
Fürsten Suwarow in der Ausführung gehindert wurde. Der neue Minister des
Unterrichts, Golownin, betrachtet diese liberalen Bestrebungen nicht ohne Wohlwollen.
Von vier Petitionen, welche in den letzten Wochen aus dem Kreise der Petersburger
Bevölkerung an den Kaiser gerichtet wurden, um liberale Konzessionen zu fordern, sind
die beiden gemäßigteren durch diesen Minister Sr. M. vorgelegt worden, zwei andere
weitergehende hat Fürst Suwarow, um ihre Beförderung angegangen, uneröffnet zurückgegeben.
Auf desfallsigen Vortrag hat der Kaiser dem Fürsten den Wunsch geäußert,
daß der letztere sich auf vertraulichem Wege Kenntnis des Wortlautes und insbesondere
die Namen sämtlicher Unterzeichner verschaffen möge.
Das treibende Element in der ganzen Situation liegt nicht sowohl in dem Gewichte
der Personen, welche die Bewegung zu fördern suchen, oder in dem Werte der verworrenen
und unausführbaren Vorschläge, welche von ihnen als Ideal der Zukunft aufgestellt
werden, sondern in der allgemeinen, auch von dem Monarchen und den höchsten
Regierungskreisen geteilten Ueberzeugung, daß es so, wie es ist, in Rußland nicht bleiben
könne, daß durchgreifende politische Veränderungen notwendig seien, während sich
niemand findet, der es vermöchte, diesem dunklen Drange nach einer besseren Gestaltung
der Dinge in der Form klarer und praktischer Vorschläge einen bestimmten Ausdruck
zu geben. Von der Notwendigkeit, „daß etwas geschehen müsse,“ ist jedermann durchdrungen;
da aber niemand anzugeben weiß, was geschehen soll, so ist kaum anzunehmen,
daß gerade das Wünschenswerte geschehen werde.
296. Privatschreiben an Minister Graf Bernstorff.
[Eigenhändig.]
2. April / 20. März 1862.
Verehrtester Freund und Gönner
Ihr freundliches Schreiben vom 21. v. M.¹) habe ich gestern, durch den englischen Courrier
mit verbindlichstem Danke erhalten und bin durch den Inhalt desselben über den Entwicklungsgang
meines Umzuges wesentlich beruhigt. Wenn die Eventualitäten meiner
Zukunft nur zwischen London oder Paris schwanken, so genügt die dadurch gegebne
Sicherheit vollständig, um meine Einrichtungen treffen zu können. Insbesondre bin ich
Ihnen für die Angaben der Kategorien dankbar, welche in den Einrichtungen der dortigen
Gesandschaftshäuser vorhanden sind oder fehlen. Mehr oder weniger accreditirte Gerüchte
waren hierhergelangt, welche mir auch die Bestimmung nach Frankfurt offen ließen und
schließlich mein Verbleiben in Petersburg in Aussicht stellten; letztres noch vorgestern,
nach einer Mittheilung Gortschakow's. Die Aufgabe, die bereits in meinem Haushalt
295. 1) Dekabristenaufstand.
296. 1) Vgl. Bismarckjahrbuch VI S. 134.